11. August 2007

Erste Eindrücke

Der erste Eindruck von Burundi, dem Land, in dem ich zehn Monate verbringen werde, ist voll von überraschenden Reizen. In der Wärme des Mittags, kurz nach der Landung auf dem Flughafen von Bujumbura, fallen mir als erstes die sonderbaren, schwer zu beschreibenden Gerüche auf. Ein intensiver Duft aus einer Mixtur von Blumen und verbranntem Holz.

Auf dem Weg zu unserem Hotel, das meine Freundin und ich für die ersten Tage in der Innenstadt von Bujumbura beziehen, begegnen uns Ochsen mit großen geschwungenen Hörnern, die von ihren Herren am Rand der Landstraße entlang getrieben werden.

Nach einigen Minuten Fahrt wird unser Taxi von einem Polizisten in blauer Uniform und mit Maschinengewehr angehalten. Eine Routinekontrolle, wie es scheint. Nach einem skeptischen Blick in meine Richtung und einem eher oberflächlichen in Richtung der Fahrzeugpapiere werden wir angehalten, unseren Weg fortzusetzen. Ich frage, ob so etwas öfter vorkommt. „Kann schon mal passieren!“, ist die lakonische Antwort, die nicht unbedingt zu meiner Beruhigung beiträgt.
Der Fahrer gibt Gas und lenkt sein Taxi, mit dem Lenkrad auf der rechten Seite des rostigen Fahrgehäuses, auf die ebenfalls rechte (!) Spur der Straße. Während der halsbrecherischen Fahrt suche ich vergeblich nach einem Sicherheitsgurt. Das Auto klappert und knirscht unter der rüden Behandlung unseres Fahrers. Ich bekomme hier erste Vorstellungen von den burundischen Verkehrsverhältnissen, zu denen lebensgefährliche Überholmanöver sowie Straßen zählen, auf denen die Installation von Verkehrsschildern und Ampeln einen Affront der hier gebräuchlichen Sitten darstellen würden. Das bedeutet aus praktischer Sicht, dass man ein durchsetzungsfähiger Fahrer sein muss, um dem burundischen Verkehr standhalten zu können: Der Fahrer, der sich waghalsig in eine Kreuzung wirft, obwohl von links drei Autos mit 120 km/h anrauschen, erhält die Vorfahrt.

Mit einer Vollbremsung halten wir schließlich vor unserer Unterkunft. Das Hotel ist zwar für burundische Verhältnisse recht teuer, liegt jedoch in direkter Nähe des zentralen Marktes. Es hält außerdem ein Bett und eine Toilette bereit, die, auf Grund einer undichten Stelle am Sockel, in regelmäßigen Abständen den Boden des Bades überflutet.

Nach gründlicher Inspizierung unseres Zimmers beschließen meine Freundin Imani (die in Burundi geboren und in Deutschland aufgewachsen ist) und ich, die Umgebung zu erkunden und uns auf die Suche nach ihren Verwandten zu machen. Allein in einem zentralafrikanischen Land, befinden wir uns kurze Zeit später auf der Straße vor unserem Hotel, die direkt auf eine brodelnde Masse zuführt, die man den zentralen Markt von Bujumbura nennt. Bereits auf dem Weg dorthin bemerke ich die staunenden, aber auch gierigen Blicke vieler Burundesen. Sie rufen „mzungu“ (=Weißer) bei meinem Anblick, „give me money“ oder „change“ sind seltenere Ausrufe. Einige Burundesen laufen an mir vorbei und verrenken sich den Hals, um einen Blick auf mich werfen zu können. Es gibt nur wenige Menschen, die sich der allgemeinen Aufregung, eine weiße Frau zu sehen, nicht anschließen. Meine Freundin dagegen, die den Afrikanern durch ihre blau-rote Haarpracht auffällt, wird auf der Straße angesprochen, ob die „mzungu“ nicht auch einen Job für sie habe, da ich doch schon Imani als meine Haushaltshilfe eingestellt hätte. Auf die Erklärung, dass ich ihre Freundin bin, reagieren die so Abgekanzelten mit Spott und Unglauben.
Voller Unbehagen über eine Aufmerksamkeit, die man in Deutschland in umgekehrter Folge als höchst ungehörig bezeichnen würde, versuche ich, mich mit gesenktem Kopf hinter meiner Freundin zu verstecken. Es wird einige Tage dauern, bis ich mich an das Verhalten gewöhnt habe, das man Europäern hier entgegenbringt und warum.

Wir erreichen den Markt. Ich versuche, eine Ordnung, eine Art Systematik, in diesem Gewühl von Menschen und Waren zu erkennen, es gelingt mir jedoch nicht. Es existiert keine.
Gerade deshalb ist der Markt von Bujumbura ein typisch afrikanischer Markt: Auf einem großen Platz, hinter dem sich eine Markthalle erhebt, bilden Händler – Frauen und Männer – kleine Inseln und bieten ihre Waren zum Kauf an. Zwischen ihnen bahnen sich potentielle Kunden ihren Weg oder halten einen Plausch mit Bekannten. Bemerkenswert ist die Vielfalt an Produkten. Auf dem Marktplatz selbst gibt es alle Sorten an Essbarem. Die Geschäfte am Rand des Marktes, die von dem Besucherstrom profitieren, bieten dagegen zum großen Teil Güter für prall gefüllte Geldbeutel an: hochmoderne Computer präsentieren sich auf Regalen zusammen mit Handys, mp3-Playern und importierten Stereoanlagen. Der Burundese könnte theoretisch erwerben, was sein Herz begehrt – wenn dem nicht eine inzwischen nicht mehr messbare Arbeitslosigkeit entgegenstehen würde.

Als wir den Rand des Marktplatzes erreicht hatten, hatte sich bereits eine Horde Taxifahrer auf uns gestürzt, bereit, uns durch das Verkehrschaos nach Buyenzi zu geleiten, dem Geburtsort meiner Freundin Imani und Wohnsitz ihrer Verwandten. Wir haben die Auswahl zwischen Autos und sogenannten „Taximotos“. Wir entschließen uns natürlich für einen Wagen, der trotz wackelnder Karosserie immer noch sicherer ist als ein Motorrad. Einige Taximotos bieten zwar Helme an, die allerdings schon ihre besten Tage hinter sich haben und oft mit Rissen und Dellen versehen sind. Zusätzlich zu diesen beiden Beförderungsmitteln verdienen sich einige Burundesen Geld, indem sie ihre Fahrräder als Taxis vermieten. Der Fahrgast setzt sich auf den meist gepolsterten Gepäckträger und fürchtet um sein Leben, wenn sich hupende Autos nähern, die den Fahrer des Rades zwingen, hektische Schlenker zum Rand der Straße hin zu machen. Dies stellt die billigste Variante des Transports dar, aber auch die gefährlichste.
Beliebt sind aber vor allem die Busse. Busfahren ist hier nicht dasselbe wie in Deutschland. Es wird keine Fahrkarte gelöst und alten Damen wird auch selten der Vortritt gelassen. Alle Interessenten quetschen sich in einen kleinen, ca. sechs Meter langen blau-weiß gestrichenen Bus. Die Fahrtrichtung steht meist auf der Kühlerhaube des Fahrzeugs mit schwarzer Farbe geschrieben. Wenn nicht, muss man sich durch einen riesigen Platz voller Busse fragen, bis man seinen gefunden hat. Oft drängen sich, wenn der Bus voll ist, vier Leute auf einer Sitzbank, die eigentlich nur für zwei gedacht ist. Während der Fahrt wird immer wieder angehalten, um die Fluktuation der Fahrgäste aufrecht zu erhalten. Das bedeutet konkret, dass einige Menschen aussteigen und andere wiederum zusteigen, die am Rand der Straßen auf den Bus gewartet haben. Die Aufgabe, nach potentiellen Fahrgästen Ausschau zu halten, übernimmt jedoch nicht der Fahrer (der mit dem Verkehr viel zu beschäftigt ist), sondern ein Helfer, der im hinteren Teil des Busses mitfährt und nebenbei noch das Geld der Passagiere einsammelt. Zur Unterhaltung der Reisenden werden laut beliebte afrikanische Lieder gespielt, manchmal auch amerikanischer Hip-Hop oder Kirchenlieder, wobei der Bass von Zeit zu Zeit das Trommelfell vibrieren lässt.

Buyenzi

Buyenzi war ein Schock für mich. Nichts konnte mich auf diesen Anblick vorbereiten, obwohl ich jetzt, nach einiger Zeit der Eingewöhnung, der Ansicht bin, dass es noch wesentlich schlimmere Lebensumstände gibt.
Wieder ist es der Geruch, der mich so beeinflusst, so prägt. Allerdings duftet es hier nicht nach Blumen und offenem Feuer. Es sind Ausdünstungen aus den Gräben an den Rändern der Straßen, die als Abflüsse, Toiletten oder Abfalleimer benutzt werden. In der Hitze des Nachmittags verschlagen mir die Dämpfe besonders den Atem.
Mittlerweile sind wir in die neunte Straße eingebogen. In Buyenzi, wie auch in einigen anderen Orten Burundis, sind die Straßen fortlaufend nach Nummern benannt. Hausnummern dagegen gibt es kaum. Jeder, der in Buyenzi unbekannt ist, muss die Anwohner fragen, wo das Haus liegt, das er erreichen will. So auch wir.
Wir kommen nach einiger Zeit vor einem Tor an, das mit einer rostigen Eisentür versehen ist und bei jeder Bewegung ein knarzendes Geräusch von sich gibt. Unter der Tür hindurch fließt ein Rinnsal stetig gen Graben. Es kommt, wie wir erkennen, als wir den Hof hinter dem Tor betreten, von einem Jungen, der mit einem Lappen Geschirr wäscht. Dazu sitzt er in der Hocke über einem Eimer Wasser mit Seife.

Herzlich, sehr herzlich werden wir von den Verwandten meiner Freundin empfangen. Überraschte Gesichter überall, als wir den Innenhof betreten. Aber auch Lachen und viel Freude. Einige Kinder, die Imani schon vor zwei Jahren bei einem vierwöchigen Urlaub kennengelernt haben, rasen ihr entgegen und werfen sich ihr in die Arme. Ich werde schüchtern mit einem höflichen Händedruck begrüßt. Sofort bietet uns der Onkel meiner Freundin, der „Herr des Hauses“, etwas zu essen an. Dankbar nehmen wir an, woraufhin der Onkel einer der jungen Frauen seines Haushaltes befiehlt, etwas zu essen zu bereiten. Das ist etwas, das kaum überraschen wird. Buyenzi ist ein islamisches Viertel in einem Land, in dem die Religion der Katholiken mit ca. 65% das Land dominiert. Ich werde im Laufe der Zeit noch feststellen dürfen, dass Männer grundsätzlich nicht an den Arbeiten des Hauses beteiligt sind. Nicht einmal, wenn sie noch jung sind. Frauen aber kochen, waschen, putzen und schaffen Ordnung. Viele Frauen wachsen sehr beengt auf. Nach einigen Gesprächen durfte ich bereits feststellen, dass nicht einmal die jungen Männer viel außer Buyenzi gesehen haben. Eine Frau hat hier, in einer Gesellschaft von oft strenggläubigen Muslimen, erst recht nicht die Chance, ihren Willen durchzusetzen auf einem individuellen Weg, wie es in europäischen Ländern propagiert wird. Sie ist meist auf das Haus beschränkt. Im Haus des Onkels meiner Freundin müssen die Bewohner, mehr oder weniger entfernte Verwandte und seine eigenen drei Kinder, um sieben Uhr bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Wenn dies nicht der Fall ist, wird der Delinquent gezüchtigt. Das klingt sicher schockierend. Dennoch ist es eine in Burundi übliche Methode, Kindern, wie ich es schon oft gehört habe, „Respekt vor dem Willen der Älteren“ einzubläuen. Nach einiger Zeit der Beobachtung habe ich dank der Hilfe von Imani die Bedeutung des Wortes „Respekt“ in Burundi begriffen: Es geht nicht um einen liebevollen Respekt gegenüber jemandem, den man auf Grund seines Verhaltens oder seiner Leistungen schätzt. Es handelt sich dabei um einen Respekt, der auf einem Macht- und Angstgefühl beruht, das die älteren Leute den jüngeren vermitteln. Das bedeutet nicht nur, dass Kinder ihren Eltern Respekt zollen müssen in Form von unmittelbarem Gehorchen und Aufmerksamkeit. Dies versteht sich in Burundi von selbst. Nein, diese Art des sich Respekt Verschaffens überträgt sich auch auf jüngere Geschwister, Cousinen, Neffen, usw. Das führt dazu, dass sich die Kinder untereinander weigern, sich gegenüber einem jüngeren Familienmitglied für ihr Fehlverhalten zu entschuldigen mit einer simplen Begründung: „Ich bin der Ältere. Ich entschuldige mich doch nicht bei dem da!“.
Diese Art der Erziehung legt nahe, dass in Burundi, wie bestimmt auch in anderen afrikanischen Ländern, die Familie an erster und auch an einziger Stelle steht. Sozusagen als Lebensversicherung. Darüber hinaus lässt die Hilfsbereitschaft krass zu wünschen übrig. Zwar knüpfen viele Burundesen Kontakte und profitieren mittels dieser in mancherlei Hinsicht. Ich habe aber das Gefühl, dass es hauptsächlich darum geht, sich materielle Vorteile zu sichern. Dennoch habe ich vollstes Verständnis angesichts eines vergangenen Bürgerkrieges und eines physisch und psychisch demolierten Landes. Die Menschen in Burundi sind nicht reich, nicht einmal materiell abgesichert. Jeder versucht, das Beste aus seiner Lebenssituation zu machen. Viele Menschen haben die Hoffnung verloren. Jeden Tag sehe ich kleine Kinder und ehemalige, nun verstümmelte Soldaten auf dem Marktplatz betteln. Diese Menschen sind bar jeder Perspektive in ihrem Land. Ich weiß, dass ich dagegen gesegnet bin mit einer umfassenden schulischen Ausbildung und einem Platz an der Universität, der mir zur Verfügung steht. Ich sehe eine Zukunft. Die Menschen in diesem Land haben auch ihre Träume, Wünsche und Sehnsüchte, wissen aber nicht, ob sie diese jemals verwirklichen können werden.

Dies alles ist mir in Buyenzi klar geworden. Es wird deutlich, wenn man die Kinder beobachtet, die sich, mangels eines Spielplatzes und Material, auf den Straßen von Buyenzi mit Fahrradreifen, die mit einem Stöckchen zum Rollen gebracht werden, die Zeit vertreiben. Es wird deutlich, wenn man bemerkt, dass unhygienische Zustände keine Bedeutung haben. Es wird aber vor allem deutlich in der Lethargie vieler Burundesen, die ihre Welt, demoralisiert durch den Hass zwischen Hutus und Tutsis, nicht als eine Chance zum Aufbruch in eine friedliche Zukunft wahrnehmen.

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~ von lauraschmidtniederhoff - September 4, 2007.

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