Auf Besuch in Cibitoke

Cibitoke ist nicht identisch mit anderen Orten rund um Bujumbura, zumindest nicht mit den Stätten, die ich bereits kenne. Eine breite gepflasterte Straße führt unseren Bus tief in das Herz dieser Siedlung. Ich erkenne aus den verschmierten Fenstern des Fahrzeugs, dass auch die nicht asphaltierten, staubigen Straßen, die rechts und links abzweigen, um einiges breiter sind und damit an positiver Ausstrahlung gewinnen. Obwohl auch hier in den provisorischen Gräben am Rand der Straße eine schwarz-grüne Flüssigkeit Bläschen wirft, ist der Geruch weniger penetrant als in Buyenzi und sogar in der drückenden Hitze des Nachmittags erträglich.
Als wir den Bus an der achten Straße verlassen, wirbelt uns Ruß ins Gesicht. Stechender Rauch umwogt unsere Körper und beißt in den Augen: Vor uns wird auf einem kleinen Haufen vor einem der zahlreichen Lehmhäuser Müll verbrannt. Trotzdem ist die Atmosphäre freundlicher: Kinder grüßen begeistert und singen sogar ein Lied für mich! Ich lache und bin erstaunt über das fehlende Misstrauen, die nicht vorhandenen verschlossenen Gesichter, die mir in Buyenzi immer noch begegnen, obgleich ich dort regelmäßiger Gast bin. Vielleicht liegt es daran, dass Buyenzi keine Weiträumigkeit besitzt, sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht. Cibitoke ist ein vor allem katholisch geprägtes Viertel, in dem die Menschen meiner Erfahrung nach andere Lebens- und Glaubensformen eher respektieren als in dem islamischen Bezirk Buyenzi. Dort vertreten schon Kinder die Meinung, dass die Christen schon noch erleben werden, dass sie in die Hölle kommen, weil sie nicht dem rechten Glauben dienen. Ich, die ich ohne Konfession bin, werde allerdings von Menschen beider Glaubensrichtungen mit Skepsis bedacht.

Nach einigen Minuten in der trockenen Hitze, die uns den Schweiß aus den Poren treibt, erblicken wir einen kleinen Markt, bestehend aus wackligen Unterständen aus Holz, die jeder für sich auf ca. einem Quadratmeter errichtet wurden. Sie ragen wir verdrehte Knorpel in die Höhe, gekrönt von dem allgegenwärtigen Wellblechdach. Meine Freundin Imani führt mich zu einer dieser Bauten und stellt mich ihrer Tante, Mama Déo, vor. Sie ist eine ältere Frau, die Imanis Mutter fast zum verwechseln ähnlich sieht. Dessen ungeachtet unterscheidet sie sich von ihr durch ihre Brille mit den runden Gläsern. Ihre Augen zeigen wenig Bewegung, aber manchmal blitzt verwegene Belustigung darin auf. Ihr Haar versteckt sie wie die meisten Frauen unter einem bunten Tuch, das um den Kopf gewunden wird und auch manchmal als Versteck für Geld und andere kleine Wertsachen dient. Sie ist eine gelassene Persönlichkeit, geprägt durch das arme und entbehrungsreiche Leben. Mit den Beinen auf dem Boden verschränkt, stützt sie sich mit einer Hand auf dem Boden ab und schiebt mit der anderen ein stumpfes Messer durch eine Platte kleiner Imbisse, die sie verkauft.
Sie bietet uns einen Platz in ihrem Unterstand an, auf einem kleinen Holzhocker, aus einfachen, aber robusten Platten gezimmert. Ich frage, ob sie heute einen guten Tag auf dem Markt hatte. Ihre Antwort habe ich erwartet: Es war ein schlechter Tag zum verkaufen. Es ist Sonntag. Wohl kein Markttag. Sie schiebt uns auf einer kleinen Serviette einige Bällchen, die wie eine Mischung aus Teig und Erbsen schmecken, und gebratene Kartoffeln herüber. Dankbar nehmen wir an. Noch eine Avocado? Oder einen Tee? Sie ist tatsächlich besorgt, dass wir nicht genug essen! Ich bin neugierig und erkundige mich nach dem Preis: Pro „Erbsenbällchen“ erhält sie 10 bis 20 burundische Francs. Das ist so wenig, dass es schwer fällt, diesen Betrag in Euro zu berechnen.
Gemeinsam, die öde Szenerie des Marktes hinter uns lassend, machen wir uns auf den Weg zu ihrem Haus, das nur einige Meter von ihrem Arbeitsplatz entfernt liegt. Sie erzählt uns, dass sie jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um das Essen für den Markt vorzubereiten.
Als wir ankommen, betreten wir einen erstaunlich sauberen Innenhof, trotz des Sandes so makellos gefegt, dass nicht ein Körnchen eines Essensrestes auf dem Innenhof liegt. Obwohl Mama Déo, wie jeder in Cibitoke, mit Kohle auf einer kleinen Halterung auf der Sitzstufe vor ihrem Haus kocht, scheint ihr der ordentliche Zustand ihres Heimes wichtig zu sein. Wir werden gebeten, das Haus zu betreten. Vor der Tür vertreibt zwar wenigstens ein leichter Luftzug die Hitze des Tages, dennoch werden Gäste grundsätzlich in das dunkle Innere der Unterkunft gebeten. Das ist ein Gebot der Gastfreundschaft.
Der Raum ist klein und schummerig, ich kann auf den ersten Blick nur wenig erkennen. Nachdem sich meine Augen an die Düsternis gewöhnt haben, gibt es aber auch nicht mehr zu sehen: Zwei oder drei Stühle gruppieren sich in einem ca. fünf Quadratmeter großen Raum. Von diesem Zimmer gehen rechts und links je ein weiterer Raum ab, die als Schlafräume für die männlichen Verwandten der Tante genutzt werden. Sie selbst schläft im mittleren Zimmer, das gleichzeitig als Esszimmer genutzt wird, auf einer hauchdünnen Bastdecke auf dem Boden. Die Tür ist nur mit einem Tuch verhängt, das träge im schwülen Lufthauch schwingt.

Schließlich verbringen wir den Tag, indem wir auf den Stufen vor dem Haus sitzen und uns unterhalten. Mein Kopf ist schwer und dröhnt im Angesicht drohender Untätigkeit. Ich bin so müde und stumpf wie schon lange nicht mehr. Bezeichnend ist die Antwort auf die Frage Imanis an ihren Cousin, was er denn den ganzen Tag hier mache: „Schlafen. Sitzen. Und wieder schlafen. Irgendwann gewöhnt man sich dran!“. Genau dasselbe Gefühl befällt mich. Wenn ich mir vorstelle, mich mit dieser Situation von Tag zu Tag konfrontieren zu müssen, wird mir schwindlig. Dieser unfreiwillige Müßiggang ist kaum zu ertragen.

Am Ende des Tages brechen wir auf und haben uns etwas vorgenommen: Mama Déo bekommt eine Matratze, um nicht mehr auf dem nackten Stein schlafen zu müssen.

Advertisements

~ von lauraschmidtniederhoff - September 10, 2007.

4 Antworten to “Auf Besuch in Cibitoke”

  1. Hallo Laura!
    du schreibst echt mitreißend!Danke für deine Berichte! es ist schön eure Tagebücher zu lesen, jeder schreibt so aus seiner Sichtweise, und überall stehen neue, verschiedenen Erfahrungen!Meine Mutti verschlingt auch noch immer alles, was sie von Burundi entdeckt!
    Wue gehts im Heim? Habt ihr euch eingelebt?
    Die Kinder fehlen mir ziemlich!
    grüße alle ja?!
    Julia (deien Vorgängerin)

  2. Diese Berichte sind „Super“ !!!!!!!!

  3. Liebe Laura,

    ich möchte mich auch bei dir für die tollen Berichte bedanken!
    Ich finde du schreibst sehr gut und vor allem sehr emotional, das gefällt mir! Leider schreibst du nicht viel über das Heim und die Kinder, das würde mich natürlich sehr interessieren, aber da muss ich wohl auf die Berichte der anderen warten. Zum Glück gibt es ja verschiedene Tagebücher mit verschiedenen Einblicken…
    Liebe Grüße, Lena

  4. Liebe Laura Schmidt,
    mir gefällt es sehr, wie Sie ihre Eindrücke über das noch unbekannte Umfeld beschreiben. Es gelingt Ihnen auf eine fliessende und leichte Art, mir das Gefühl zu geben, dabei zu sein. Die Berichte über die Kinder habe ich nicht vermißt. Je mehr ich über das Umfeld geschildert bekomme, in dem die Kinder sich zurecht finden (müssen), umso mehr sagen mir ja dann die Erlebnisse mit ihnen. Ich betrachte es als ein „heranführen“ an die Kinder im Heim. Auch kann ich mir gut vorstellen, dass einige Zeit der Annäherung braucht um auch darüber in dem Ihnen eigenen emotionalen Stil schreiben zu können, der sich erfreulich abhebt von vielen anderen Blogs.
    Ich bewundere nach wie vor Ihren Mut und Ihr Engagement.
    Alles, alles Gute!!
    Patricia Göttlicher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: