Let me entertain you!

Kirchen gibt es in Burundi genug: die Kirche der Adventisten des Siebenten Tags, der Methodisten, der Baptisten, der Presbyterianer, die Pfingstkirche, apostolische Gemeinden, Lutheraner und natürlich die katholische Kirche, um nur einige zu nennen. Über die Hälfte der Bevölkerung Burundis, so sie nicht dem Islam oder einer Naturreligion zugetan ist, teilt sich auf eine dieser Freikirchen oder natürlich die katholische Kirche auf, die bereits vor der Kolonisation durch Deutschland und Belgien eine entscheidende Rolle durch die nachhaltige Missionierung Burundis spielte. Diesem erfolgreichen Beispiel folgen im 21. Jahrhundert die Freikirchen, auch, um dem aufstrebenden Islam eine Bewegung entgegenzusetzen.

Die Luft ist kühl. Die bevorstehende Regenzeit kündigt ihr Kommen an. Meine Beine überziehen eine leichte Gänsehaut, als ich unser Taxi mit Imani und Aline, einer burundischen Freundin, verlasse. Vor uns erstreckt sich das große Areal der Freikirche „Mission du Christ“ mit breiten Wegen aus Schotter und rotem Sand, einem Restaurant und einem gepflegten Rasen, wie man ihn in Burundi selten zu sehen bekommt. Keine Frage, die Glaubensgemeinschaft hat ein gesichertes Einkommen!

Mit gemischten Gefühlen lassen wir uns von Aline in die Kirche geleiten, die rechteckig begrenzt ist durch eine Mauer aus Zeltplanen, über Pfosten gespannt. Ich fürchte um meinen kurzen Rock, den ich im Bewusstsein aufkommender mittäglicher Schwüle angezogen habe und vergleiche ihn mit Alines Hose und ihrem Hemd, das züchtig jedwede freie Körperstelle, die Anstoß erregen könnte, bedeckt. Doch meine Angst ist unbegründet. Als wir eintreten – die Predigt ist schon in vollem Gange – springt ein Wächter auf, starrt mich mit aufgerissenen Augen an und reicht mir höflich die Hand. Hektisch winkt er einem Helfer in der Livree eines Platzwartes, der uns dienstbeflissen zu drei freien Stühlen auf der gegenüberliegenden Seite des Areals geleitet. Dazu durchqueren wir die Längsseite der Kirche, so dass kein Gläubiger von dem Anblick der Neuankömmlinge verschont bleibt. Neugierige Blicke folgen uns und reißen nicht ab. Sogar der Prediger mustert uns beflissen.
Auf Stühlen aus Plastik in der ersten Reihe lassen wir uns nieder und ich habe Gelegenheit, eine ungewöhnliche Form der Predigt zu erleben. Auf einer steinernen Plattform in der Mitte des Geländes, die als Bühne genutzt wird, stehen zwei Männer. Beide tragen ein schneeweißes Hemd sowie die gleiche cremefarbene Hose. Maßgeschneidert, wie ich Hosen bisher nur an sehr betuchten Burundesen gesehen habe, unterstreicht sie die Bedeutung der beiden Entertainer, die das Publikum durch eine außergewöhnliche Modulation der Stimme, durch ihre Gesten und die Mimik in Atem halten. Der korpulentere der beiden charismatischen Führer, lasse ich mir von Imani sagen, predigt auf Französisch, während sein dürres Pendant das Gesagte ins Kirundi überträgt.
Bevor ich Gelegenheit habe, den blau-weiß gewandeten Chor im Hintergrund zu begutachten, der die Gemeinschaft durch seinen musikalischen Beitrag in religiöse Ekstase versetzt, schiebt sich ein Mann mittleren Alters hinter uns durch die Bank. Sich an seiner Bibel festhaltend, lässt er sich in unserem Rücken nieder. Er streckt seinen Kopf zwischen Imanis und meine Schultern: „Do you speak english?“. Nach Bejahung dieser Frage meinerseits beginnt er, die Predigt zu übersetzen. Eine freundliche Geste, doch wegen der lautstarken Stimmen der Prediger, die durch zwei Mikrofone verstärkt werden, und auch durch die gebrochene Aussprache meines afrikanischen Übersetzers verstehe ich nicht einmal 10 % der Rede. Stattdessen unterbricht sich unser Dolmetscher bei jeder Aufforderung von Seiten der „Diener Gottes“ mit einem leidenschaftlichen „Amen!“. Die ganze Gemeinde jubelt den Männern nach besonders gelungenen Passagen der Predigt begeistert zu. Speziell während kurzer Gesangseinlagen unserer Priester gellen Pfiffe durch das Publikum. Ich war noch nie auf einem Konzert, jetzt kann ich mir die Atmosphäre dort aber lebhaft ausmalen. Mit dem Verweis auf meine offensichtliche Erkältung ziehe ich mich hier aus der Affäre.
Doch kurz darauf spielt meine Krankheit keine Rolle mehr bei der ersten offiziellen Ausübung meiner religiösen „Pflichten“. Das Publikum erhebt sich auf einen Wink der Prediger. Auf Kommando recken die Menschen beide Arme in die Höhe, mit den offenen Handflächen gen Himmel, eine imaginäre Schale bildend. Wir beten. Die Augen geschlossen und in scheinbarer Trance verlieren sich die Gläubigen in den Worten der Priester. Der Versuch, mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen, wird damit hinfällig.

Nach Beendigung des Gebets beschließen meine Freundin und ich, unsere leeren Mägen in dem hauseigenen Restaurant zu astronomisch hohen Preisen zu füllen. Wie wir zehn Minuten später erfahren, entgehen wir dadurch zwar dem üblichen Spendenaufruf aller Freikirchen, sind uns aber sicher, dass wir unseren Beitrag zur Predigt durch die genossenen Spaghetti Carbonara gezahlt haben.

Amen!

Advertisements

~ von lauraschmidtniederhoff - September 16, 2007.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: