In die Berge

Meine erste Fahrt über Land nach Gitega, in das hügelige Innere eines pulsierenden Herzens, beginnt an einem kühlen Dienstagmorgen. Eine leichte Brise macht mich frösteln, als ich mit den anderen Freiwilligen Helfern, unserer Leiterin Verena Stamm und ihrem Fahrer den schwarzen Jeep besteige, der uns über sanft geschwungene Anhöhen und eine verschlungene Straße in die lebendige Seele der Natur entführt.

Der Himmel ist bewölkt. Graue Schwaden verdunkeln die Landschaft und verursachen ein nebliges Grau, das uns fast bis hinauf nach Gitega begleiten wird. Durch die letzten Bastionen der Stadt Bujumbura erreichen wir schon nach ein paar Minuten die Landstraße, die sich in engen Wendungen an die Kante des Berges schmiegt. Es scheint nicht viel Verkehr zu sein und unser Fahrer beschleunigt, um der rund zweistündigen Fahrt durch die tropische Natur ihre Länge zu nehmen.

Ich bin bereits nach den ersten Minuten beeindruckt von der reichhaltigen Flora und Fauna. Kaum haben wir den Fuß des Berges erreicht und die Steigung in Angriff genommen, stehen an den Rändern der Straße grüne, saftige Pflanzen Spalier. Unterbrochen durch den zerklüfteten Berghang, der seine ruppige Gestalt drohend über uns erhebt, saugen die Palmen und Eukalyptusbäume die Feuchtigkeit des jungfräulichen Tages in sich auf. Auf der Straßenseite des Gegenverkehrs fällt der Rand steil ab. Es gibt keine Sicherheitsbegrenzung. Von Zeit zu Zeit gemildert durch einen leichten Hang, auf dem gelbgrüne Bodengewächse und Kräuter gedeihen, wird der Blick des Betrachters auf Berghänge gelenkt, die zu atmen scheinen durch ihre Fülle an Stauden und Sträuchern, die sich zu einem dichten Wald vereinen. Versenkt man seinen Blick in die hügelige Umgebung, erkennt man kleine braune Farbtupfer, Hütten aus Lehm, die mitten in die Wälder und bepflanzten Plantagen eingebettet sind. In regelmäßigen Abständen wird das grüne Pflanzenmeer von  rechteckigen Feldern durchstoßen von der Farbe roten Sandes oder beigefarbenem Gewächs.
An den Rändern der Straße begegnen uns viele Menschen. Frauen in gemusterten Tüchern, ihre Kinder mit einem Tuch auf den Rücken gebunden. Männer in abgewetzten Kleidern, verhärmt durch das wenig ertragreiche Leben. Durch die Büsche hat man Gelegenheit, Bauern und Feldarbeiterinnen bei der Arbeit zu beobachten. Gebückte Gestalten, die durch die Entfernung von einem Berghang zum anderen die Größe von Murmeln besitzen. Unser Jeep nimmt die Kurven am steilen Berghang mit  Geschwindigkeit, so dass Eindrücke von unbeschreiblicher Schönheit und Wildheit an uns vorbeiziehen.

Auffällig sind jedoch die Soldaten. Auf ihre Maschinengewehre gestützt, kontrollieren sie mit unbewegten Mienen an immer wiederkehrenden Stützpunkten den Verkehr sowie die Umgebung. Die Stationen sind meist notdürftig erbaut aus frisch geschlagenen Holzstangen, die als Unterstand oder Sitzgelegenheit konstruiert wurden. Ich sehe aber auch drei Soldaten, die sich auf einem Hang, der eine weite Übersicht garantiert, durch ihre braun-grün gefleckte Uniform kaum von der Landschaft abheben. Durch ihre Tarnung sowie die Erstarrung ihrer Körper wirken sie wie Chamäleons auf der Lauer.
Durch die Präsenz von so ungewöhnlich viel Militär in den Bergen verwundert, erklärt uns Verena, dass dieser Streckenabschnitt Rebellengebiet ist. In der Nacht zuvor habe wohl ein Angriff in dieser Gegend stattgefunden. Ich bin überrascht, dass das Rebellengebiet so nah an der Hauptstadt Burundis liegt und sehe meine Umgebung mit anderen Augen. Wir sind kaum dreißig Minuten mit dem Auto von Bujumbura entfernt. Tagsüber bestehe jedoch momentan keine Gefahr. Nur bei Anbruch der Dunkelheit solle man dieses Gebiet lieber nicht mehr erkunden, rät uns Verena. Die Rebellen rekrutieren sich aus den ansässigen Bauern an den Hängen des Berges. O-Ton Verena Stamm: „Tagsüber bestellen sie ihre Felder, nachts graben sie die Kalaschnikows aus!“.

Nach einiger Zeit der Fahrt lassen wir das Gebiet der kämpferischen Auseinandersetzungen hinter uns und erreichen den höchsten Punkt der Berge, eine Art Gipfel, der sich plateauähnlich auf einer Anhöhe erhebt. Wir passieren die Stadt, die auf 2400 Metern Höhe die ersten Sonnenstrahlen des Tages genießen darf. Wir erblicken während der raschen Fahrt an der rechten Seite der schmalen Straße ein leerstehendes Gebäude von italienischer Machart aus der Zeit der Kolonisation. Mit seinen runden Bögen, die die Fenster markieren, wirkt es wie eine Momentaufnahme, aufgenommen ein halbes Jahrhundert zuvor. Ich frage mich, was weniger fehl am Platze ist: der Bau aus den Zeiten der Kolonisation, der dem schwer zugänglichen Ort ein gewisses Maß an Charme verleiht oder die einfachen Lehmhütten, die das schlichte Leben der Bevölkerung unterstreichen. Beides in direkter Nachbarschaft zueinander wirkt auf mich befremdend.

Dies wird jedoch nicht das einzige Überbleibsel aus Kolonialzeiten bleiben. Als wir nach eineinhalb Stunden Fahrt Gitega erreichen, erhaschen wir einen Blick auf mehrere Häuser ähnlicher Art und Weise.  Zwischen ihnen führen unbefestigte Straßen aus tiefrotem Sand, der hier besonders leuchtet, hindurch. Gitega ist ein kleines Städtchen in den Bergen, das kaum als solches bezeichnet werden kann. Es siedelt sich eher zwischen dem Begriff „Dorf“ und „Kleinstadt“ an. Ein gelungener, mit einem großen Garten bepflanzter Platz bildet die Mitte des Ortes, der als Treffpunkt genutzt wird. Es existieren einige Restaurants, in einigen Kolonialbauten befinden sich offizielle Organe der Stadt und wir entdecken ein äußerst gepflegtes Hotel. Dennoch ist die Stadt klein und wirkt, im Gegensatz zu Bujumbura, ein wenig verschlafen. Kaum zu glauben, dass sich der Präsident Burundis höchstpersönlich des öfteren in Gitega aufhält, um seinen sportlichen Aktivitäten zu frönen. Unter anderem mit dem Ziel, wie uns Verena mitteilt, die Entwicklung Gitegas zu einem Knotenpunkt Burundis zu fördern. Was etwas unwirklich klingt, im Angesicht der Tatsache, dass Gitega nicht gerade am Nabel der Welt liegt, die Zufuhr durch schlechte Straßen behindert ist und ich auch keine Basis für einen sich ausweitenden wirtschaftlichen Handel feststellen konnte. Vielleicht existiert ja die Möglichkeit, Gitega als Wallfahrtsort zu etablieren, wer weiß…

Doch der Grund unseres Besuches ist ein anderer: Ein Haus der Fondation Stamm, in dem Näher und Schreiner ausgebildet werden. Nach einigen Minuten Fahrt durch verwinkelte und unstete Gassen halten wir vor einem gemütlichen Haus. Es gleicht eher einem deutschen Einfamilienhaus und hat zuerst nichts mit meiner Vorstellung von einem Ausbildungszentrum gemein. Das ändert sich ein wenig, als wir den Hof betreten: direkt vor uns sitzen Mädchen und Jungen unter einem überdachten Unterstand, der sie vor der Sonne schützt, und bedienen ihre chinesischen Nähmaschinen. Über ihnen baumeln an einfachen Kleiderhaken die ersten „Designerstücke“ burundischer Nähkunst. Robuste Hemden wechseln sich ab mit bunten Hosen und langen Röcken. Alles ist unglaublich farbenfroh. Trotzdem darf man sich, was die Kleidung in Burundi angeht, keine differenzierten Vorstellungen machen. Die Schnitte sind eigentlich immer gleich. Das bedeutet, dass die Bevölkerung Burundis entweder Kleider aus Hilfslieferungen trägt oder nahezu identische Schnittmuster, die ganz offensichtlich immer nach demselben System geschneidert werden. Ein Kleidungsstück hat für die breite Masse eben auch nur die Bedeutung eines Kleidungsstücks. Für Extravaganzen fehlt schlicht das Geld.
Weiter geht es zu den Schreinern: Von jungen Männern wird, ebenfalls unter freiem Himmel, geschützt durch ein Dach und abgegrenzt durch Planen, Holz geschliffen. Insgesamt wohnen ca. 15 Kinder in diesem Haus, das auch als Heim genutzt wird. Einige weitere besuchen das Zentrum täglich, um ihre Ausbildung voranzutreiben. Das sind nicht viele Menschen, aber es sichert eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre.

Ein weiteres Projekt, das momentan mangels Geld nicht in gewünschter Form vorangetrieben werden kann, ist ein Bauvorhaben in indirekter Nachbarschaft zum Ausbildungszentrum. Es soll, wenn es fertiggestellt ist, ebenfalls zur Ausbildung genutzt werden, vornehmlich für den Hausbau mit Ziegeln aus Lehm. Dafür steht in einem Teil des Gebäudes bereits eine Steinpresse bereit. Dennoch kann noch nicht mit der Arbeit begonnen werden, da das Gelände mit einem weiteren Haus bestückt werden soll. Wir begutachten also vor Ort an Stelle schwitzender Steinpresser das abgesteckte und zum Teil ausgehobene Areal, auf dem das Haus folgen soll. Die Nachbarn, durch die europäische Präsenz in Aufregung versetzt, begutachten dafür uns.

Nach einem ereignisreichen Tag sitzen wir nun wieder im Jeep auf dem Weg zurück nach Bujumbura. Mangels Stopps, um die wunderschöne Natur mit unseren Fotoapparaten einzufangen, fotografieren Ruth und ich aus voller Fahrt heraus. Dabei hätte ich persönlich alle vier Meter einen Halt einlegen können…

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~ von lauraschmidtniederhoff - September 21, 2007.

Eine Antwort to “In die Berge”

  1. Hallo Laura, hallo Imani,

    ist ja super wie gut / ihr schreibt, RESPEKT !! Ich glaub diese Reise ist genau das richtige für euch auch wie ich gelesen habe es nicht immer einfach ist, wir denken an euch auch in der Ferne
    TINA und Janine

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