Absurdes Theater

Liebe Leser,

haben Sie schon einmal Bekanntschaft mit einem Gefängnis von innen geschlossen? Nein? In Burundi haben Sie die Möglichkeit dazu, und zwar auf recht einfache Art und Weise.

Um die effizienten Mühlen der Justiz in Bujumbura hautnah erleben zu dürfen, vergessen Sie bei ihrem nächsten Ausflug in das Herz Afrikas auf keinen Fall, ihren Fotoapparat mitzunehmen. Um das Ziel „Festnahme“ zu erreichen, ordern Sie ein Taxi Richtung Kamenge, einem Vorort Bujumburas, um dort Werbung für ein Projekt einer Hilfsorganisation zu machen. Währenddessen – Sie fühlen sich sehr aufgehoben inmitten der vielen freundlichen Menschen, die Ihren Weg kreuzen – zücken Sie ihre Kamera, um für Ihr Privatarchiv einige Fotos zu schießen. Natürlich nicht, ohne direkte menschliche Motive um ihre Einwilligung zu bitten, da Sie um die Sensibilität der Burundesen, die ohne Erlaubnis fotografiert werden, wissen. Aber vor allem beeindruckt Sie die Landschaft und Sie knipsen ein Bild nach dem anderen von lehmigen Häuserfronten, verwachsenen Pfaden und bevölkerten Marktplätzen, derartig überfüllt, dass nur die undeutlichen Schemen der Menschen erkennbar sind. Plötzlich spüren Sie einen festen Griff an Ihrem Handgelenk, der Sie unsanft zu sich herumreißt. Verwirrt blicken Sie in das Gesicht eines Mannes mit schmalen Zügen und kleinen dunklen Augen. Er scheint wütend zu sein. „Du hast mich fotografiert!“, schimpft er wild gestikulierend. Um seine Anschuldigung zu entkräften, zeigen Sie ihm die Fotos auf ihrer Digitalkamera. Er schenkt den Bildern jedoch wenig Beachtung. „Ich bin Polizist“, erfahren Sie stattdessen, indem er auf eine Pistole in seinem Hosenbund deutet. Und: „Ich zieh Sie raus, sie ist geladen!“. Er hält Sie weiter fest umfangen, so dass Ihr Handgelenk langsam zu schmerzen beginnt. Ungestüm zerrt er Sie eine Straße entlang, die bereits von Menschen gesäumt ist. Das Publikum fragt, was passiert ist. „Sie hat ein Foto gemacht, sie hat ein Foto gemacht!“ lautet die Beschuldigung, die Ihnen immer absurder vorkommt. Die Angelegenheit erhält eine Eigendynamik, die Ihnen nicht gefällt. Die Bevölkerung ist aufgebracht und von allen Seiten prasseln Forderungen auf Sie ein wie „Steckt Sie ins Gefängnis und lasst sie nie mehr raus!“. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Sie haben doch nur Fotos gemacht! Stellen Sie sich weiterhin vor, dass Sie ein burundischer Freund nach Kamenge begleitet hätte, um Ihnen mit der Werbung für Ihr Projekt behilflich zu sein. Dieser versucht nun, den Polizisten zu beruhigen und die Situation zu entschärfen. Als Dank erntet er die Fäuste des Polizisten in seinen Magen. Nachdem er Ihren Freund nahezu außer Gefecht gesetzt hat, schleift er Sie auf ein Haus zu, das als Polizeistation von Kamenge ausgewiesen ist. Dort begegnen Sie einer Frau mit geflochtenen Zöpfen, die eng an ihrem Kopf anliegen und deren rote Augen Sie stechend fixieren. Sie packt Sie am Arm und stößt Sie gegen die Wand der Polizeistation. Dann beginnt das Verhör: „Wer bist du? Was machst du hier? Wer hat dich geschickt?“. Sie sind ein ehrlicher Mensch und beantworten jede Frage wahrheitsgetreu. Aber die Polizistin hält Sie für eine Lügnerin und bittet Sie, Ihre Brille abzunehmen. Mit einigen kräftigen Schlägen versetzt Sie Ihnen ein paar Ohrfeigen, um dann das „Verhör“ von neuem zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt hätten Sie auch schon jegliche Hoffnung auf ein glückliches Ende aufgegeben, oder?
Versetzen Sie sich ferner in die Situation: Nach einigen Minuten, die Ihnen wie Stunden vorkommen, erlaubt man Ihnen zu telefonieren. Sie rufen verschiedene Leute an, die Ihnen helfen sollen, aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen. Dann werden Sie von der Polizistin mit den roten Augen und einem ihrer Kollegen, der eindeutig stark alkoholisiert ist, in einen Linienbus verfrachtet. Dort nimmt der Albtraum kein Ende: Die Polizistin fängt an, Sie vor den Augen der Passagiere zu beschimpfen und nennt Sie eine „Hexe“ und „Teufelsanbeterin“. Die Bevölkerung Kamenges, kurzzeitig entrissen aus der Lethargie eines tristen Alltags, stimmt begeistert zu. Sie wären sicherlich auch erleichtert gewesen, wenn Sie endlich das „Commisariat Minicipal“ in Buyenzi erreicht hätten, um dort um Ihre Freilassung zu bangen.

So geschehen ist es tatsächlich mit meiner Freundin Imani und es ist dem Einsatz des Ehemanns von Verena Stamm zu verdanken, dass sie bereits am Abend wieder entlassen wurde. Zwar wurden ihr Handy und mein Fotoapparat, den sie sich ausgeliehen hatte, von der rotäugigen Polizistin konfisziert, die wir jedoch nach einer weiteren Odyssee mit Hilfe von allerhand Drohungen zurück erhielten. Letztendlich werden wir den Kommentar der Polizistin nie vergessen: „Ich wollte dir nur helfen, ich habe dich gerettet!“ In welchem Universum sie sich befand, als sie Imani geschlagen und beschimpft hat, werden wir wohl nie erfahren.

Wenn Sie also Interesse an einem ähnlichen Erlebnis haben, packen Sie Ihren Fotoapparat ein! Eine kleine Digitalkamera eignet sich gut. Noch besser: eine Spiegelreflex-Kamera, die durch Ihre Größe und den Preis (ab 1000 Euro aufwärts) besticht. Dafür werden Sie wahrscheinlich gehenkt, aber zumindest dürfen Sie sich dann an einem Seidentuch statt an einem kratzenden Strick erfreuen.

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~ von lauraschmidtniederhoff - September 26, 2007.

Eine Antwort to “Absurdes Theater”

  1. Das ist ja mehr als ein Abenteuer- mit Angst besetzt, freu mich, dass Veranas Mann deine Freunding Imani herausgeboxt hat, alles Gute und hoffentlich nicht mehr so viele gefährliche Einsätze!!, Gruß an Ruth, denke für euer Engagement, Barbara

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