Kein Phänomen

Dass Venúste der Schalk im Nacken sitzt, war mir schon vom ersten Augenblick an klar. In den Augen des 11-jährigen blitzt es gewitzt, wenn er in der Sportjacke mit den viel zu langen Ärmeln Simba, dem Hund des Kinderheims, hinterherjagt. Mit Vergnügen balgt er sich mit ihr auf dem staubigen Boden. Der Hund und der Junge haben ganz offensichtlich Spaß daran, zu erproben, wer von ihnen beiden der bessere Akrobat ist. Dass Venúste aber auch ein Trotzkopf sein kann, habe ich letzte Woche erfahren. Nachdem auch mal die Mädchen ermutigt wurden, die mitgebrachte Playstation („das ist doch nur was für Jungs“) zu benutzen, fühlten sich besonders die Jungs der jüngeren Generation so vor den Kopf gestoßen, dass sie kurzerhand beschlossen, den Strom abzuschalten. Nach einer Standpauke von den Betreuern entschuldigten sie sich bei den Mädchen, nur Venúste verweigerte den Blickkontakt mit gesenkten Lidern und vorgeschobener Unterlippe. Wenn er gewusst hätte, dass er dabei einfach nur zum Knuddeln aussieht, hätte er sich bestimmt nicht solche Mühe gegeben. Manchen Kindern kann man nicht lange böse sein. Umgekehrt war uns Venúste aber noch böse – und zwar mindestens zwei weitere Tage lang.
Trotzdem wollte er es sich nicht nehmen lassen, bei dem letzte Woche stattfindenden Tanzkurs mitzuwirken. Nach Berücksichtigung der Vorlieben aller Kinder – die Mädchen wollen nicht mit den Jungs tanzen und gleichzeitig wollen die älteren nicht mit den jüngeren Knaben bei dem Tanzkurs gesehen werden – gelang es uns, zweien von drei Gruppen innerhalb weniger Stunden eine kleine Choreographie zu zeigen. Eigentlich eine recht einfache Abfolge von Tanzschritten, aber bis die Synchronität gegeben war, dauerte es eine Weile. Das größte Publikum hatten die Mädchen, denen am Schluss eine fast perfekte Choreographie gelang.
Um dem Problem der sich seit kurzem immer stärker zeigenden Rivalität der Geschlechter Herr (oder Frau) zu werden, ist es Imani und mir ein Anliegen, alle Kinder gleichberechtigt an unseren Programmen teilnehmen zu lassen. Die Jungs kochen, die Mädchen sollen Fußball spielen… Was sich nicht immer ganz einfach gestaltet, weil bestimmte Verhaltensweisen und Vorlieben jeweils den Mädchen oder den Jungen zugeschrieben werden. „Sind die Mädchen dabei?“, fragen die Jungs. „Sind die Jungs dabei?“, heißt es von den Mädchen. Im Eifer des Gefechts gemeinsamer Aktivitäten siegt jedoch immer die Solidarität. Damit aber auch Venúste durch einen „Männerabend“ mit Playstation zufriedengestellt werden kann, existieren auch „Frauengruppen“, die dann nicht durch eventuelle Kommentare männlicher Beobachter beeinträchtigt werden. Theoretisch ist diese Wechselwirkung der Geschlechter in einem Heim mit über sechzig Kindern kein Phänomen, aber es ist eine Tatsache, der es entgegenzuarbeiten gilt. Wie eigentlich in ganz Burundi.

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~ von lauraschmidtniederhoff - Oktober 3, 2007.

Eine Antwort to “Kein Phänomen”

  1. Manohman LAura, was euch da in KAmenge passiert ist- echt unglaublich! Ich kenne ja das Viertel aber das die dort gleich so reagieren….echt krass! Habe immer nur Fotos aus dem Bus herraus gemacht, habe mich eigentlich geärgert nicht mehr Bilder von Kamenge zu besitzen- aber nun bin ich ziemlich froh….!
    Und wenn du Venuste beschreibst- ich musste echt lachen, genauso kenne ich ihn und habe ihn vor Augen! Grüß ihn von mir und die anderen auch!
    Lasst es euch gut gehen, ich werde weiter von euch lesen!
    JUlia

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