Nasen und ihre Bedeutung

Vor einer Woche lernten wir Elvis kennen. Auf der Suche nach einem Lehrer, der Privatunterricht in Kirundi, der Landessprache Burundis, zu geben bereit war, fanden wir ihn an einen Kiosk gelehnt. Elvis ist ein auffallender Burundese. Groß und schlank, überragt er die meisten seiner Landsleute um einen Kopf. Seine Augen sind umrahmt von feinen, langen Wimpern, die seinem schmalen Gesicht einen zarten Ausdruck verleihen. Die Finger sind ungewöhnlich langgliedrig. Das außergewöhnlichste Merkmal an ihm ist jedoch seine Nase: sie ist schlank – und einfach gerade. So sehr, dass sich europäische Chirurgen um dieses Modell reißen würden.
Elvis ist Tutsi.
Bevor ich meine Reise nach Burundi antrat, informierte ich mich über dieses Land, das im internationalen Geschehen kaum eine Rolle spielt. Eine Fülle an Informationsquellen existiert über Ruanda, das Nachbarland Burundis. Burundi selbst lebt in dessen Schatten. Dies ist nicht vewunderlich, sofern man um die Geschichte Ruandas und Burundis und deren Wechselwirkungen weiß, die zu den Völkermorden in den 90er Jahren geführt haben. Es trägt der Tatsache aber nicht Rechnung, dass Burundi ebenso unter den Kriegsfolgen zu leiden hat wie Ruanda. Eine davon ist die unterschwellige, eher selten offen zu Tage tretende Rivalität zwischen Hutus und Tutsis.
Meine Freundin und ich haben schon selbst Erfahrungen damit gemacht. Bei einem Ausflug in einen Stadtteil Bujumburas begegneten wir einer Gruppe Männer, die wissen wollten, was uns hierher führte. Diese Frage hatte einen aggressiven Unterton, weshalb wir uns taub stellten. Ein Nachbar, der die Szene beobachtet hatte, meckerte, als wir an ihm vorbeigingen: „Was will denn diese Tutsi hier?“. Verwundert fragten wir uns, warum er Imani ausgerechnet den Tutsi zurechnete. Meine Freundin, die so gar nicht dem Stereotype einer Tutsi entspricht. Nicht einmal Imani selbst weiß, welcher Bevölkerungsgruppe sie angehört – zum Glück! Mit dem Gedanken, hier müsse wohl eine Verwechslung vorliegen, setzten wir unseren Weg fort. Ein weiteres Erlebnis lässt mich schließlich aufmerken: Imani bezahlt an einem Kiosk mangels kleinerer Geldscheine mit einem 10.000 FBU-Schein. Umgerechnet weniger als 10 Euro, wirft das für viele Burundesen ein Problem auf. Sie haben kein Wechselgeld. Das war auch hier der Fall, was die umstehenden Kunden des Kiosks mit der Bemerkung quittierten: „Immer diese Tutsis!“. Dies veranlasst mich zu der Frage: Ist „Tutsi“ eine Beleidigung, die man gut betuchten Burundesen an den Kopf wirft? Oder gibt es gar – Gott behüte! – versteckte Merkmale, die Burundesen erkennen, Ausländern aber ein Rätsel sind?
Als uns Elvis zu sich nach Hause einlädt, zeigt er uns das Bild seines Vaters. Dasselbe Gesicht, dieselbe Nase. Die Verwandtschaft ist offensichtlich. Eine seiner Tanten ist mit einem Franzosen verheiratet und zusammen betreiben sie ein Restaurant in Uganda, erzählt er uns. Dann holt er einen 100 FBU-Schein aus der Tasche. Er deutet auf eine der beiden Unterschriften, die auf jedem burundischen Geldschein zu finden sind. Über der Bezeichnung „Le Gouverneur“ befindet sich die Signatur seines Vaters. Wir erfahren, dass er „das Geld herstellt“.
Nun, nachdem uns das Klischee eines Tutsis gegenüber steht, müssen wir fragen: Ist Elvis tatsächlich Tutsi? Mich interessiert vor allem, ob er bereit ist, diese Frage zu beantworten bzw. durch eine Beantwortung unserer Frage indirekt den Unterschied zwischen Hutus und Tutsis als existent zu benennen? Freimütig bejaht er und stellt fest: „Du bist auch eine Tutsi, Imani!“
Imani: „Ich bin viel zu klein!“
Elvis: „Die Größe spielt keine Rolle.“
Wir: „Woran erkennt man dann, wer angeblich Tutsi und wer Hutu ist?“
Elvis: „An der Nase! Die der Tutsis sind länglicher und schmaler als die der Hutus!“

Aha. Ich frage mich folgendes: Wie viele Zentimeter Nasenlänge machen einen Tutsi aus? Was passiert, wenn er sich die Nase bricht?

Es gibt noch viel zu tun.

 

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~ von lauraschmidtniederhoff - Oktober 13, 2007.

Eine Antwort to “Nasen und ihre Bedeutung”

  1. hey laura,
    ich habe deine ganzen Berichte gelesen, ich selber habe auch interesse ein freiwilliges soziales jahr in burundi zu machen, nach deinen berichten bin ich eigentlich so gut wie überzeugt davon…du hast echt ein unglaubliches schreibtalent, deine berichte lesen sich wie romane…weiter so, ich freu mich schon auf neuigkeiten!
    lg
    johanna

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