Ngozi

Eine weitere Landfahrt steht uns bevor, als wir am Donnerstag morgen in den Landrover steigen und uns auf den Weg nach Ngozi machten. Mit konkreten Zielen fahren wir in die Berge – Kerstin, Ruth, Imani und ich wollen zusammen mit Verena Stamm einige ihrer Projekte besuchen, um dort die Abschlusszeugnisse an die Schüler der verschiedenen Ausbildungsstellen zu verteilen.
Der Tag beginnt ungewöhnlich warm. Obwohl es sehr früh am Morgen ist, lässt sich absehen, dass die Hitze im Laufe des Tages drückend sein wird. Die Regenzeit hat zwar bereits begonnen, das bedeutet aber nicht, wie ich seit kurzem bemerkt habe, dass es nennenswert kühler geworden ist. Höchstens schwüler.
Der Fahrtwind aber entschädigt uns dafür dank der rasanten Fahrweise unseres Chauffeurs Ali, der aus Buyenzi stammt. Ali ist ein schneller und sicherer Fahrer. Die Kurven nimmt er mit Geschwindigkeit, Überholmanöver, ohne zu wissen, ob Gegenverkehr besteht, sind für ihn kein Problem. Obwohl ich in Deutschland bereits an Herzversagen gestorben wäre, fühle ich mich mit Ali hinter dem Steuer ausgesprochen wohl.
Auch die Landschaft ist nach wie vor beeindruckend: Dicht bewaldete Hügel wechseln sich ab mit tiefen Schluchten, braun-rote Felder bilden ein Karomuster auf abschüssigen Berghängen. Von Zeit zu Zeit erhasche Blicke auf kleine, bunte Gestalten, die in der Ferne Felder ernten. Männer mit Hacken reißen die Erde an den Rändern der Straße auf. Frauen transportieren Saat- und Erntegut auf ihren Köpfen, über lange Distanzen hinweg. Oft überholt Ali Lastwagen, die nicht nur Ware transportieren, sondern auch eine Reihe junger Männer auf Fahrrädern hinter sich herziehen. In Ruanda schon per Gesetz verboten, nutzen die Jungs diese leider viele Unfälle provozierende Methode des Fortkommens in die Berge. Überhaupt, erzählt uns Ali auf Nachfrage, geschehen gerade auf dieser Strecke Richtung Gitega und Ngozi, wohin wir heute unterwegs sind, jeden Tag Unfälle. Vor allem Fahrradfahrer, die entweder als Taxis oder Transportmittel für Kohlesäcke und andere Waren fungieren, werden Opfer der unsteten Fahrweise der Burundesen. Dies bestätigt sich heute zwar nicht, auf anderen Fahrten Richtung Gitega jedoch sind wir bereits Zeugen einiger Unfälle geworden. Man kann sich sicher vorstellen, dass die ärztliche Versorgung in einem so schwer zugänglichen Teil des Landes unzureichend ist. Zwar habe ich schon einige Wagen von „Ärzte ohne Grenzen“ gesehen, dass aber für viele Menschen jede Hilfe zu spät kommt, ist ein Faktum.
Um so wichtiger sind Hilfsprojekte, die eine funktionierende Infrastruktur fördern und den Menschen auf dem Land, die besonders unter den harten Lebensbedingungen zu leiden haben, eine Perspektive geben. Die Fondation Stamm hat derer bereits ein erstaunliches Kontingent. Verena ist es wichtig, dass vor allem Projekte auf dem Land initiiert werden, damit die Landflucht gestoppt und das Leben dort erträglich wird. Nach einer Stunde Fahrt gelangen wir an eine Gabelung, die den Weg nach Ngozi markiert. Kurz darauf halten wir vor einer Ausbildungsstätte der Fondation Stamm, die Dachziegel produziert. Aus Zeitmangel können wir den Landrover nicht verlassen. Ich erkenne dennoch eine Hütte, die sich hinter einem Abhang versteckt sowie unzählige aufgeschichtete Ziegel.
Wir setzen unseren Weg fort. Eine weitere Stunde später erreichen wir unser erstes eigentliches Ziel: Das Landwirtschaftsprojekt für Kindersoldaten in der Nähe von Ngozi. Eine Fotografin der Unicef ist schon vor Ort, bereit, das Projekt, das Verena zusammen mit Unicef führt, zu dokumentieren. Es gibt einiges zu sehen: Zwei Ställe, in dem sich gut genährte Schweine und Ziegen ihres Heus erfreuen. Außerdem eine schier unübersichtliche Menge an Kindern, die bei den Anblicken der Fotoapparate der „Mzungus“ begeistert jubeln. In dem Landwirtschaftsprojekt werden ehemalige Kindersoldaten in Ackerbau und Viehzucht ausgebildet. Das beinhaltet, wie uns Verena erläutert, den ökologischen Anbau von Mischkulturen, um den nährstoffarmen Boden zu schonen. Dieses Wissen sollen die jungen Ausgebildeten an die ortsansässigen Bauern weitergeben.
Nach der Inspizierung der Bauten gehen wir über zur Zeugnisverteilung, die Verena mit den Leitern des Projektes vor Ort vornimmt. Für die besten Absolventen unter den Schülern und Schülerinnen gibt es Geschenke: T-Shirts, Hemden und Mützen von Spenden aus Deutschland werden stolz entgegengenommen.
Um dem straffen Zeitplan gerecht zu werden, sitzen wir nach einer Stunde wieder im Auto auf dem Weg zu dem nächsten Projekt, in dem Kinder auf ihr Abschlusszertifikat warten: Einer Ausbildungsstätte in Ngozi selbst, in dem Jugendliche Ausbildungen zum Schneider, Schreiner oder Koch erhalten. Auf dem kleinen Areal werden wir bereits erwartet. Besonders die Straßenkinder in ihren gelben Unicef-Hemden fallen auf. Sie wurden in das Haus der Ausbildungsstätte aufgenommen als Folge eines Weihnachtsfestes, das Unicef mit den Straßenkindern von Ngozi einst in einem örtlichen Bistro veranstaltete. Die Kinder, seit langer Zeit nicht mehr so gut genährt, beschlossen daraufhin, das Bistro zu besetzen, bis ihnen regelmäßiges Essen zugesagt wurde. Einen Monat wohnten und aßen die Kinder in dem Restaurant, bis einige von ihnen bei der Fondation Stamm ein neues Zuhause fanden.
Verena beginnt gleich nach unserer Ankunft damit, Geschenke an jedes der Kinder zu verteilen. Kuscheltiere, Pullover, Hemden und Taschen finden einen neuen Besitzer. Die Kinder warten, bis sie aufgerufen werden, dann treten sie Verena gegenüber, nehmen ihre Gabe entgegen und bedanken sich schüchtern. Es ist offensichtlich, wie sehr sie sich freuen. Nicht wenige sind schnell wieder verschwunden, um ihren Schatz an einen sicheren Ort zu bringen oder ihn ihren Freunden zu zeigen.
Auch bei der Zeugnisverteilung kommen Sachspenden aus Deutschland zum Einsatz. Die besten drei Absolventen jeder Ausbildungsrichtung erhalten als Preise einen robusten Pullover, ein T-Shirt und einen Schal in bunten Farben, der bei den Kindern und Jugendlichen besonders beliebt war. Die restlichen Schüler bekommen ein T-Shirt der Fondation Stamm. Als wir das Ausbildungszentrum verlassen, sind die Kinder so begeistert, dass viele von ihnen nach weiteren Kleidungsstücken fragen. Natürlich können nicht alle Wünsche befriedigt werden, einigen konnten wir aber trotzdem noch etwas zustecken.
Nach so vielen neuen Eindrücken machen wir uns auf den Rückweg nach Bujumbura. Gerade rechtzeitig, kurz bevor sich tiefe Dunkelheit über Burundi gelegt hat, gelangen wir an eine der kleinen, typischen „Haltestellen“ kurz vor Bujumbura, aber noch an den Hängen des Berges, an dem man Obst und Gemüse günstig erstehen kann. Das Highlight für Imani und mich: süße Erdbeeren, die es nur hier zu kaufen gibt und die wir uns auf dem Rückweg zum Kinderheim schmecken lassen – als Belohnung nach einem ereignisreichen Tag.

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~ von lauraschmidtniederhoff - Oktober 21, 2007.

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