Von Krankheiten und ihren Folgen

Wie man sich vorstellen kann, ist die medizinische Versorgung in Burundi, einem der ärmsten Länder Afrikas, katastrophal. Seit fast drei Monaten bin ich nun schon hier, und täglich begegnen mir Opfer unzureichender ärztlicher Behandlung – oder auch Nicht-Behandlung.
Auf dem Markt ist es besonders augenfällig. Der zentrale Treffpunkt der Stadt ist nicht nur Umschlagplatz für Waren, sondern auch der „Boulevard“ der Verletzten, Kranken und Verstümmelten. Regelmäßig begegnen mir alte Männer, die auf Krücken gestützt um Geld bitten. Aber auch den Anblick zweier Jungen mit großen Wasserköpfen kann ich nicht vergessen, die sich, trotz verkrüppelter Beine, im Sitzen über den Marktplatz ziehen. Oft bin ich ratlos, nein, ohnmächtig im Angesicht dieser Menschen. Was kann ich tun? Ebenso oft werde ich wütend. Auf die Menschen, die aus simpler Machtgier und Arroganz einen Krieg herbeigeführt haben, dessen Folgen sie nicht zu tangieren schien. Die Leidtragenden sehe ich jeden Tag: Kinder und Alte, deren Zukunft auf der Straße sehr, sehr dunkel aussieht.

Zwei Wochen nach meiner Ankunft in Burundi war ich in einem Krankenhaus in der Nähe von Buyenzi, in dem eine Freundin einer Verwandten von Imani lag. Wenn man durch den Eingang tritt, macht das Gebäude einen recht ordentlichen Eindruck. Die Fassade ist gelb gestrichen, der Name des Krankenhauses steht in großen Lettern unter dem Dach. Dennoch war ich skeptisch und das zu Recht.
Bei meinem Besuch dort gab es viele Dinge, die mich schockierten – Familien, die auf dem Gelände nächtigten, kochten, ihre Notdurft verrichteten; die Kranken, die sich ohne Privatsphäre in einem der aufgereihten Betten quälten – was mich jedoch am meisten befremdete: ich sah keinen einzigen Arzt. Auf Nachfrage bei den Angehörigen der Kranken erfuhren wir, dass Ärzte in dieser Einrichtung nur sporadisch erscheinen.

Vor einigen Wochen lernten Imani und ich schließlich in Bwiza, einem islamischen Viertel in Bujumbura, einen Mann kennen, der einen Verband um das linke Bein trug. Die Binde war bereits schmutzig und verkrustet und ich machte mir Sorgen, dass das möglicherweise eine Entzündung der Wunde zur Folge haben könnte. Wir fragten nach seiner Verletzung und wie sie entstanden sei. Statt einer Antwort zeigte er uns ein Foto, das mir den Magen umdrehte und das ich meinen Lesern nicht zumuten kann: Sein linkes Bein abwärts des Knies ist offenes Fleisch. Das Problem dabei ist, dass sich die Wunde trotz ärztlicher Behandlung in einem Krankenhaus vor zwei Jahren nicht vollständig schließt. Die Möglichkeit, eine Untersuchung und Behandlung seines Leidens in einem Privatkrankenhaus durchführen zu lassen, ist ihm aus finanziellen Gründen verwehrt.

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~ von lauraschmidtniederhoff - Oktober 28, 2007.

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