Pygmäen im Wilden Westen

„Eine dreitägige Fahrt durch Burundi – was für ein Erlebnis!“, riefen wir Freiwilligen Helfer, als uns Verena Stamm einlud, sie zu Landwirtschaftsprojekten in Richtung Muyinga und Ruyigi zu begleiten. Zwei Provinzen am Rand der tanzanischen Grenze und die Durchquerung des Nationalparks warteten auf uns. Voller Vorfreude bestiegen wir einmal mehr einen Landrover und fuhren über Ngozi hinaus in die unberührte Natur. Romantisch war unsere Reise in jedem Fall. Spätestens im Nationalpark war uns die Definition von Einsamkeit ein Begriff: Hätten wir nicht im voll beladenen Landcruiser wie Hühner auf der Stange gesessen (ein Sack voll Bohnen stahl mir den Komfort), ich hätte mich fürchten können ob der weitläufigen, geschwungenen Hügelketten und verlassenen Wiesen. Verlassen ist das Stichwort – statt Gazellen und Bisons, nach denen wir aufgeregt Ausschau hielten, überfuhren wir lediglich ein Chamäleon. Als wir doch ein paar Affen erblickten, waren wir hocherfreut.

Burundi nimmt sich, zumindest auf dem Land, teilweise wie eine Kopie des Wilden Westens aus. Fährt man über die von Schlaglöchern übersähten Straßen, gedenkt man dem harten Tritt eines Pferdes, das einen aus dem Sattel wirft. Steht man inmitten eines Feldes, um das Wachstum einer Bohnenknospe zu begutachten, wird man der neugierigen Blicke der Bevölkerung gewahr, die uns argwöhnisch von den umliegenden Berghängen aus beobachtete. Durchquert man die Dorfgemeinschaften am Rande der tanzanischen Grenze, ist die Illusion die einer staubigen Westernstadt mit Appellierplatz und Colt-schwingendem Sheriff.

Aus der Bahn warfen mich die Zelt-ähnlichen Hütten der Pygmäen. Bei einem Stop bei dem Projekt der Fondation Stamm, das die Pygmäen, die Urbevölkerung Burundis, unterstützt, lernte ich wirkliche Armut kennen. Die Batwa oder Twa, wie diese Bevölkerungsgruppe auch genannt wird, leben in Rundhütten aus getrocknetem Gras. Da ihnen durch die massive Abholzung in den 90er Jahren ihr natürlicher, bewaldeter Lebensraum genommen wurde, sind die Pygmäen nur noch bedingt in der Lage, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Ihre „Häuser“ bieten alles andere als Schutz vor Wind und Wetter. Die Unterkünfte sind undicht, so dass sich Regen und Kälte ungehindert Zugang verschaffen können. Die Pygmäen besaßen außerdem, obwohl es an besagtem Tage meiner Schätzung nach höchstens 10 Grad Celsius maß, keine ausreichend warme Kleidung. Viele Kinder, die oberhalb ihres Dorfes in der von Unicef gesponsorten Schule saßen, lernten mit klappernden Zähnen und schlotternden Leibern. Bei diesem Anblick erkennt man, welchen Wert Kleiderspenden haben.
Was ich von diesem Augenblick an für ein Gerücht hielt: Dass sich die Pygmäen, wie die Tutsis von den Hutus, durch ihre Körpergröße unterscheiden sollen. Zwar waren die meisten Pygmäen untersetzt, aber dennoch waren alle größer als meine Freundin Imani, die das angebliche Grenzmaß an Körpergröße eines Pygmäen ihr Eigen nennen darf (und schon mehrfach als Tutsi bezeichnet wurde, wie eifrige Leser wissen). Einige Burundesen scheinen an der Unterscheidung in verschiedene Bevölkerungsklassen auf Grund der Körpergröße eines Menschen besondere Freude zu haben.

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~ von lauraschmidtniederhoff - November 12, 2007.

Eine Antwort to “Pygmäen im Wilden Westen”

  1. Immer wieder traurig, beklemmend lese ich Ihre Beschreibungen, sie geben so facettenreich die Situation in B. wieder, ich bewurndere, dass Sie so eindrucksvoll schreiben können. Weiter so, liebeGrüße an Ruth, Barbara Nießen

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