Wie viele Kühe ist die Braut wert?

Eine burundische Hochzeit unterscheidet sich sehr von einer deutschen Eheschließung. Das durften wir vor zwei Tagen erleben, als uns die Heimleiterin des Centre Uranderera, Clothilde, einlud, den Festivitäten ihrer eigenen Hochzeit beizuwohnen. Diese erstreckten sich über zwei Abende. Der zweite Abend bedeutete die eigentliche Feierlichkeit mit Tanz, Getränken und vielen Reden, der erste Abend jedoch war ein kurioses Ereignis: Die Auslösung der Braut durch die Familie des Ehemanns stand auf dem Programm.
Als Ruth, Kerstin, Nadine und ich den Ort des Geschehens betraten, bot sich uns ein recht ungewöhnlicher Anblick. Ein großer Unterstand mit Wellblechdach beherbergte ca. 200 weiße Plastikstühle, die sich je zur Hälfte gegenüberstanden. In der Mitte dieser beiden Lager befand sich eine Sitzbank aus rotem Polster, umrahmt von jeweils zwei samt-bezogenen Bänken. Wir vermuteten bereits, dass dies die Sitzgelegenheiten für Braut, Bräutigam und deren Familien darstellen sollten. Auf den endgültigen Beginn der Veranstaltung mussten wir jedoch warten, die mit einer Verspätung von eineinhalb Stunden anfing. Das mag an der gewagten künstlich-toupierten Frisur der Braut gelegen haben, bei deren Bearbeitung sogar der Friseur seine Ladenschlusszeit überschritten hatte, oder auch an der Gemütlichkeit der Gäste, die gewohnheitsmäßig eine Stunde zu spät kamen. Ruth, Kerstin und ich nutzten die Zeit und wärmten unsere Sitze vor. Nadine half hinter der Bühne bei der Vorbereitung zur Bewirtung der Gäste und wurde auch gleich engagiert, den Bräutigam und dessen Trauzeugen in burundischer Kleidertracht zu bedienen. Dass eine „Mzungu“ kellnerte, sorgte natürlich für Aufsehen, wurde aber mit einem Schmunzeln registriert und wird sicher unvergesslich bleiben.
Nach einiger Zeit füllten sich die Stühle auf unserer Seite des Gebäudes mit den Gästen der Braut. Die gegenüberliegende Seite blieb leer. Dafür reihten sich auf dem Innenhof einige Männer auf, um den dort wartenden Gästen, gleichsam als Initiationsritus, die Hände zu schütteln, die Rücken zu tätscheln und Küsschen auf die Wangen zu geben. Der Reihe nach nahmen die soeben willkommen Geheißenen Platz – ausschließlich auf der Seite des Bräutigams. Währenddessen hatte sich auch dieser unauffällig eingefunden und ließ sich auf den roten Polstern der Sitzbank nieder. Links neben ihn setzte sich der Trauzeuge. Nachdem sich auch die Parteien der beiden Familien – die jeweils drei wichtigsten Männer – in der Mitte eingefunden hatten, begann die Verhandlung.
Abwechselnd stand ein Vertreter der Familien auf, nahm das Mikrofon in die Hand und versuchte das Publikum mit schlagkräftigen Argumenten (O-Ton Familie des Bräutigams, auf uns deutend: „Sogar die Mzungus sind heute hier, um der Auslösung beizuwohnen…“) darüber hinwegzutäuschen, dass die Verhandlung schon im Vorfeld abgeschlossen worden war und der Preis – in Kühen gemessen – bereits feststand. Dank der Übersetzung von Kerstins burundischer Banknachbarin konnten wir mitverfolgen, dass die Familie von Clothilde sich weigerte, die Braut herauszugeben, die Familie des Ehemanns in Spe sagte, sie sollen sich doch nicht so anstellen. Nach etwa einer halben Stunde wurde ein Geschenk an den Onkel der Braut, der als Oberhaupt von Clothildes Familie fungiert, überreicht. Leider war nichts zu sehen außer ein mit Blumen geschmückter Korb, das Geschenk wurde aber als Beschwichtigung entgegengenommen. Die Braut sollte ja, wenn möglich, dem Bräutigam noch an diesem Abend zugeführt werden. Nach weiteren Diskussionen war es plötzlich so weit: Man hatte sich auf eine bestimmte Anzahl von Kühen „geeinigt“. Die Familie Clothildes willigte in die Hochzeit ein, die für den nächsten Tag geplant war, für die auch schon die Kirche bezahlt worden war sowie die Getränke, die Trommler des Straßenkinderheims, der Ort der Feier, usw.
Nun war es auch Clothilde endlich erlaubt, die Lokalität mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Von wundervollen Gesängen begleitet, betrat sie die Bühne und nahm neben ihrem Verlobten Platz. Der Rest des Abends verging in Dankesreden, Gunstbezeugungen und kameradschaftlichem Trinken von Bananenbier seitens der Familienoberhäupter. Clothilde saß mit verschränkten Armen auf der Sitzbank, neben sich ihren Bräutigam, der das Geschehen mit seinem Trauzeugen kommentierte und sich sporadisch an seine ruhige Begleiterin wandte.
Mein Eindruck war folgender: Hier wurde der Zusammenschluss zweier Familien gefeiert, besonders die Verbindung des männlichen Teils der beiden Verwandtschaften. Gut zu wissen, dass sich Clothilde ihren Mann in Eigenregie ausgesucht hat. Und dass darüber verhandelt wurde, ob Clothilde in barer Münze fünf oder sechs Kühe wert ist – also bitte schön! Für die Hochzeit seiner Träume nimmt man das doch in Kauf, wenn man weiß: Für sieben Wiederkäuer hätte es sich der Ehemann vielleicht noch einmal anders überlegt.

Frage: Wieviele Kühe würden Sie für Ihre/n Partner/in zahlen?

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~ von lauraschmidtniederhoff - November 17, 2007.

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