Chefu

Vor einigen Wochen fiel mir bei einem Besuch bei Imanis Familie in Buyenzi eine junge Frau auf. Sie saß im Innenhof des Hauses, ihre beiden Kinder stolperten über den staubigen Erdboden der Behausung. Sie war jung, gerade einmal 23 Jahre alt. Ihre Kleider hingen, von lehmigen Krusten und Löchern übersäht, lose an ihrem Körper herab. Ihre Figur war nicht die einer jungen Frau, sondern aufgeschwemmt und schlaff. Schamgefühl schien ihr fremd: Sie entblößte sich nicht nur, wenn sie das jüngste ihrer Kinder säugte, sondern auch bei Spaziergängen auf der Straße. Ich war verwundert, dass es einer Frau erlaubt war, ihren Körper in einem islamischen Viertel auf diese Art und Weise zur Schau zu stellen. Sie schien kein Interesse an der Wahrung des Respekts gegenüber ihrem eigenen Körper zu haben. Ihre Kinder sind von unterschiedlichem Charakter. Das Mädchen, das ältere der beiden Kinder, ist aufgeweckt und neugierig. Der Junge, etwa im Alter von eineinhalb Jahren, zeichnet sich durch eine kontinuierlich depressive Persönlichkeit aus. Er weint sehr viel. Wenn seine Mutter nicht in der Nähe ist, ist er kaum zu beruhigen.
Imani gab ihr den Spitznamen „Chefu“, nachdem sie in einer von uns organisierten Frauenfußballmannschaft zur Mannschaftsführerin gewählt worden war. So lernten wir das Mädchen, das nur durch seine ungewöhnlich nachlässige Haltung aufgefallen war, besser kennen.
Chefu ist ein sanftes Wesen. So sanft, dass sie sich von ihrem Mann, der sich einst weigerte, sie zu heiraten, verprügeln lassen muss. Zwei Kinder hat sie ihm geboren, mit zehn weiteren seiner Abkömmlinge und seiner ersten Frau lebt sie zusammen in einem kleinen Zimmer. Ihr Mann ist ein gewalttätiger, cholerischer Mensch, vor dem sich sogar die Nachbarn fürchten. Das ist mitunter der Grund, weshalb für Chefu das Wort Nächstenliebe keine Bedeutung besitzt. Sie ist allein. Niemand unterstützt sie, wenn nicht nur ihr eigener Mann, sondern auch dessen Familie ihren Frust in immer wiederkehrenden Ausbrüchen der Gewalt zur Schau stellen.
Chefu wird von einigen ihrer Mitmenschen nicht nur körperlich misshandelt, sie erhält auch kein Essensgeld. Obwohl ihr Mann Einkünfte hat, bekommt sie, wenn überhaupt, nur ein Minimum für die Sicherung ihres eigenen Lebensunterhaltes und den ihrer beiden Kinder. Deshalb war sie bis vor kurzem regelmäßiger Gast in dem Haus der Familie Imanis, um um einen Teller Grieß mit Soße zu bitten. Bis vor kurzem – weil ihr Mann ihr nun verboten hat, mit der Familie Imanis und uns in Kontakt zu treten.
Das mag daran liegen, dass Imani und ich, in Anlehnung eines Projektes mit Mikrokrediten, das die Fondation Stamm nächstes Jahr einführen will, einen Testlauf gestartet hatten. Chefu ging mit Imani auf den Markt, kaufte Zucker und Mehl und fertigte daraus ein heißes Getränk namens „Uji“, das abends auf den Straßen verkauft wird. Leider lag die Bilanz des ersten Verkaufstages dermaßen unter den Erwartungen, dass wir am nächsten Tag beschlossen, auf den Verkauf von gebratenen Maiskolben umzusteigen. Bisher war dieser Versuch von Erfolg gekrönt.
Seit jedoch Chefus Mann gehört hat, dass seiner Frau von fremden Leuten geholfen wird, ist es sein größtes Anliegen, den Umgang mit uns und der Familie Imanis zu unterbinden. Aber nicht nur er ist irritiert von unserer Empathie. Selbst Imanis weibliche Familienangehörige reagierten mit Unverständnis auf unser Wirken: „Wieso hilfst du ihr? Du kennst sie doch gar nicht. Sie ist doch sowieso nicht mit dir verwandt!“. Dass Hilfeleistungen in Burundi nur innerhalb der Familie anerkannt sind, ist für Imani und mich inzwischen keine Neuigkeit mehr. Dass aber selbst Frauen aus Buyenzi, von denen nicht wenige dasselbe Los teilen wie Chefu, zu so wenig Einfühlungsvermögen fähig sind, finde ich furchtbar. In Burundi könnte sich allein dadurch etwas ändern, wenn sich die Menschen, aber vor allem Frauen, die es besonders nötig hätten, selbstlos unter die Arme greifen würden. Dann würde gewalttätigen Männern in dem Versuch, ihre Frauen zu unterdrücken, zumindest ein bisschen Widerstand entgegenschlagen. Durch das momentan kollektiv herrschende Scheuklappen-Verhalten wird Ungerechtigkeit begünstigt und Machismus gestärkt.
Imani und ich kümmern uns weiterhin um Chefu und versuchen, ihr durch den Verkauf von Maiskolben ein unabhängiges Dasein zu schaffen. Vielleicht setzt sich emanzipatorisches Gedankengut ja auch in Burundi irgendwann durch.

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~ von lauraschmidtniederhoff - November 22, 2007.

2 Antworten to “Chefu”

  1. Das ist einfach toll von euch beiden, danke dafür, Grüße Barbara

  2. Hallo Laura,
    mein Name ist Lilo Lehnertz und ich bin eine langjährige
    Tennispartnerin von Deiner Mutter und habe von ihr die Info,
    dass Du in Burundi bist.
    Mein Mann und ich sind begeisterte Leser Deiner interessanten Berichte.
    Wir wünschen Dir für die weitere Arbeit dort viel Spass.
    Liebe Grüße aus Herrsching von Lilo und Hartwin Lehnertz

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