Erinnerung an den Krieg

Wenn es in Burundi regnet, trommeln Tropfen wie kleine Feuerwerkskörper auf das Wellblechdach über der Terrasse vor meinem Zimmer. Als wir Freiwilligen vor einigen Tagen frühmorgens von ähnlichen, knallenden Geräuschen geweckt wurden, handelte es sich jedoch nicht um die Vision einer frühzeitigen Silvesternacht, sondern um Schüsse aus der nahe gelegenen Universität. Schnell standen wir auf und sahen nach den Kindern. Die Mädchen hatten sich auf der Terrasse versammelt und stürzten bei einer erneuten Gewehrsalve in ihr Haus. Einige der kleinen Kinder, die sich noch auf dem Hof aufhielten, schickten wir schnell in ihre Zimmer. Bevor wir aber unser weiteres Vorgehen besprechen konnten, war nichts mehr zu hören.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, Schüsse so nahe an unserem Wohnort zu vernehmen. Angst, gemischt mit Verwirrung und den Fragen: Was passiert da? Wie weit ist das Geschehen entfernt? Könnten wir uns tatsächlich unmittelbar in einer Gefahrenzone befinden?
Später erfuhren wir, dass es sich „nur“ um Warnschüsse von Polizisten gehandelt hatte, die eine Demonstration von Studenten auf dem Gelände der Wohnheime unter Kontrolle bringen wollten.
Leider häufen sich in den letzten Wochen auch bewaffnete Raubüberfälle in Bujumbura und den umliegenden Quartiers. Ein Chinese wurde bei der Auszahlung seiner Mitarbeiter mitten in der Innenstadt von Bujumbura erschossen. Ein Bewohner Kamenges wurde nahe unserem Mutter-Kind-Heim überfallen und getötet, weil er den Dieben nicht, wie gefordert, sein Fahrrad überlassen hatte. Der Besitzer des Geldwechselbüros, in dem ich bisher Kunde war, wurde morgens in Rohero, nahe dem Zentrum Bujumburas, ermordet und seines Geldes beraubt. Weiterhin machen Nachrichten von diversen Banden aus Cibitoke und der unmittelbaren Umgebung dieses Ortes die Runde. Und das Sahnehäubchen ist, dass nicht selten Polizisten Teil dieser kriminellen Vereinigungen sind. Ich frage mich, warum ausgerechnet jetzt ein solcher Anstieg verbrecherischer Energie zu vermelden ist. Es ist aber deutlich, dass die Polizei, die in Bujumbura mit Maschinengewehren für Sicherheit sorgen soll (ein gewisser Widerspruch in sich), in der Bevölkerung mit äußerstem Misstrauen und sogar Abscheu betrachtet wird. Ein Taxifahrer erzählte Imani, dass ihm vor einigen Wochen bei einer nächtlichen Fahrt von Polizisten am Straßenrand bedeutet wurde, anzuhalten. „Ich bin einfach weitergefahren. Bei denen weiß man nie, was sie wollen. Ich bin doch nicht lebensmüde!“. Was Imani auf Grund ihrer eigenen Erfahrung mit dem Staatsorgan nur bestätigen konnte (siehe Eintrag „Absurdes Theater“).
Mein Suahelilehrer, bei dem ich privat Unterricht nehme, erklärte mir das Vorgehen der Banden folgendermaßen: „Sie kundschaften dich aus. Wenn sie sicher sind, dass du Geld hast und wissen, wo du es versteckst, überfallen sie dich und rauben dich aus.“ Das erklärt zumindest, warum die meisten Opfer in ihren Häusern attackiert werden oder in Situationen, in denen sie viel Geld bei sich tragen müssen. Es vermittelt aber trotzdem nicht das Gefühl von Sicherheit.
Mein Lehrer sieht die derzeitige Situation relativ entspannt. Er sagt, dass die Menschen bereits Schlimmeres erlebt haben, womit er bestimmt Recht hat. Als ich während der Schüsse auf dem Gelände der Universität die Angstschreie unserer Mädchen gehört und gesehen habe, wie sich die kleinen Jungen im Heim auf den staubigen Boden des Innenhofes geworfen haben, bekam ich einen bleibenden Eindruck davon.

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~ von lauraschmidtniederhoff - Dezember 10, 2007.

Eine Antwort to “Erinnerung an den Krieg”

  1. Liebe Laura, gut ist es, dass Sie auch diese gefährlichen Sachen schildern, davon hören wir ja nichts. Gehört habe ich nur von Gloriose, einer Burundesin hier in Erkelenz, dass der Präsident neue Regierungsleute gestellt habe, es ist schon sehr unsicher zur Zeit, dass die Poizei so unberechenbar, gewalttätig ist, hat ja auch Folgen für die Bewvölkerung!!Ich bin glücklich, dass euch im Heim nichts passiert ist, die Ängste kann ich im ruhigen Europa nicht nachspüren. Alles Liebe an euch 5 und die kids, Barbara

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