Vorweihnachtszeit

Gestern habe ich in einer Internet-Bannerwerbung gelesen, dass es nur noch acht Tage bis Weihnachten waren. Normalerweise habe ich Heiligabend in Deutschland immer genau im Blick. Spätestens ab dem 01. Dezember zähle ich die Tage bis zur Bescherung. Man kann ja auch gar nicht anders, angesichts des Weihnachtstrubels, auf den man mit Schokonikoläusen in den Supermärkten schon Ende August hingewiesen wird. In Burundi ist von weihnachtlicher Stimmung höchstens ein Hauch zu spüren, wenn man auf dem Markt einem der vielen Plastik-Weihnachtsbäume begegnet, die von Straßenverkäufern auf Köpfen und Händen balanciert werden. Oder wenn in der Markthalle an einem der Stände voller kopierter Ware aus China „Jingle Bells“ erklingt. Dann bildet sich ein Zeitfenster von vielleicht einer Zehntelsekunde, in der ich frische Tannenzweige rieche, Lebkuchen schmecke oder mit einer Tasse heißem Kakao aus dem Fenster auf ein schneebedecktes München blicke. In genau diesem Augenblick, in dem ich in Erinnerungen und Sehnsüchten schwelge, wird ein frisch geschlachtetes und gehäutetes Rind an mir vorübergetragen und die Illusion zerplatzt. Goodbye, liebe Weihnachtsstimmung!

Ruth, Kerstin und Nadine haben bereits mehrere tapfere Versuche unternommen, die Vorweihnachtszeit trefflich zu gestalten. Ende November bastelten sie einen fantastischen Weihnachtskalender mit einem Säckchen voller Süßigkeiten für jedes Kind im Heim. Eine Woche später durften wir feststellen: gähnende Lehre! Die Kinder hatten sich heimlich die Säckchen genommen und sich an deren Inhalt gütlich getan. Eine weitere Woche später: Sogar die Nägel, an denen die Säckchen befestigt waren, waren verschwunden. Was nicht niet- und nagelfest ist, wie Kerstin so treffend sagte, wird geklaut.
Letzte Woche schließlich durfte ein Teil der Kinder Plätzchen backen. In der Gemeinschaftsküche der Freiwilligen tummelte sich eine Schar Mädchen und Jungen, die fleißig Teig knetete, Förmchen ausstach und das Gebäck hoffnungsvoll dem Ofen übergab. Leider ist unser Ofen seit vier Monaten nicht mehr ganz funktionstüchtig, deshalb sind, soweit ich das beurteilen konnte, ein paar der Plätzchen leicht angekohlt. Wenn man aber seit viereinhalb Monaten kaum Süßes gegessen hat und wie ich ein Schokoladenjunkie ist, schmeckt fast alles himmlisch, auch angekohlte Plätzchen.
Ebenso sind die Vorbereitungen auf die Bescherung in vollem Gange. Die Idee von Ruth, Kerstin und Nadine ist, dass sich die Kinder gegenseitig beschenken dürfen. Jedes Kind hat per Los den Namen eines anderen Kindes gezogen und soll diesem am 24. Dezember ein Präsent übergeben, das es von Verena erhalten hat. In Erinnerung an den Adventskalender bin ich gespannt, ob es den Kindern gelingt, Stillschweigen darüber zu bewahren, wer ihr Los und was ihr Geschenk ist.

Im Kindergarten in Kajaga haben Imani, Ruth und ich ein Weihnachtsfrühstück für die Kleinen kurz vor den Ferien veranstaltet. Popcorn, Mandarinen, Nüsse, Bananen und Brot teilten wir unter den Kindern auf. Ich bin jedes Mal überrascht, wie sehr sich die Kinder in Burundi über diese Kleinigkeiten freuen. Meine ehemaligen Schulkameraden hätten im Angesicht von Obst zu einem Weihnachtsfrühstück mit Entsetzen reagiert. Ich wahrscheinlich auch. Meine Einstellung hat sich aber geändert, als ich gemerkt habe, was es für burundische Kinder bedeutet, eine Tasse Milch in Händen zu halten oder eine Mango zu essen. Dinge, die für mich, besonders in der Weihnachtszeit, selbstverständlich sind, sind hier etwas sehr, sehr Besonderes.

Vor einem Jahr wusste ich noch nicht, dass ich Weihnachten in Burundi verbringen würde. Als feststand, dass ich nach Burundi fliegen würde, stellte ich mir oft die Frage: Wie ist Weihnachten dort? Heute durfte ich feststellen, dass es mir vielleicht gerade wegen der fehlenden Stimmung zum ersten Mal seit Jahren gelungen ist, alle Weihnachtsgeschenke eine Woche vor Heiligabend zu kaufen und nicht erst einen Tag zuvor. Das passiert, wenn man ausnahmsweise nicht gezwungen ist, die Tage bis Heiligabend zu zählen.

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~ von lauraschmidtniederhoff - Dezember 18, 2007.

3 Antworten to “Vorweihnachtszeit”

  1. Mit Ihrem Bericht kommt so gut auch die „Weihnachtsstimmung“ rüber, danke dafür! Schön, dass Sie auch das , was nicht glatt läuft , erzählen.
    Ihre Berichte seit den 4 Monaten haben mir die Situation bei euch gut näher gebracht, was Sie und wie Sie berichten, ist wunderbar klar und in die Gewohnheiten der Menschen und kulturellen Situationen eingetaucht. Liebe Grüße, wieter so, und falls ich nicht mehr schreib, euch allen schöne Weihnachtstage mit den kids und Verena, Bernoit. Barbara

  2. Liebe Frau Nießen,

    liebe Grüße auch nach Erkelenz und ein frohes Weihnachtsfest! Zum Thema „Was nicht glatt läuft“: Zur Zeit haben wir einen Rohrbruch in der Unterkunft der Freiwilligen. Dies hat eine riesige Baustelle zur Folge und wir haben kein Wasser. Aber wir nehmen´s mit Galgenhumor…
    Ich wünsche Ihnen und ihrer Familie alles Gute für das neue Jahr!

    Grüße,
    Laura

  3. Hallo Laura,
    wir haben heute wieder die letzten Berichte gelesen und haben
    so erfahren ,dass es wohl nicht immer einfach ist in Burundi.
    Hier in Herrsching haben wir richtig winterliches Weihnachtswetter
    zwar ohne Schnee aber mit sehr viel Reif auf den Bäumen.
    Wir wünschen Ihnen ein friedliches und schönes Weihnachtsfest sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr.
    Liebe Grüße aus dem winterlichen und kalten Herrsching
    Lilo und Hartwin Lehnertz

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