Gegensätze

Das neue Jahr hat begonnen. Gegen Ende des alten Jahres wurde noch einmal kräftig geraubt und gemordet. Nicht nur zwei französische Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation „Action Contre La Faim“ gerieten unter Beschuss, man hatte nach der Silvesternacht und in den darauffolgenden Tagen allgemein das Gefühl, gefährlich zu leben. Ich weiß nicht, ob es am Jahreswechsel lag oder ob es der Zufall bestimmte. Manchmal erlebe ich in Burundi Momente, in denen ich äußerste Beklemmung verspüre. Mir stellen sich die Haare im Nacken auf, wenn mir ein Betreuer des Straßenkinderheims erzählt, dass er an Silvester in Bwiza, einem armen Quartier in der Stadt, von einer Gruppe Männer überfallen, niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. Oder wenn mir am Tag darauf von burundischen Bekannten zugetragen wird, dass sie am Neujahrstag auf dem Markt mit dem Messer bedroht wurden. Dass im Osten des Kongo, direkt an der burundischen Grenze, ein Krieg tobt und sich die Unruhen in Kenia nicht legen, erhöht den Druck.
In Burundi herrscht nur offiziell Frieden. Die Herzen mancher Menschen in Burundi dagegen sind voll dunkler Geheimnisse. Das mag man als Europäer gerne vergessen, wenn man sich an einem sonnigen Tag auf den Weg macht, um sein Frühstück in der Stadt einzunehmen. Dann läuft man die breite Straße in das Zentrum von Bujumbura hinab, vor sich den atemberaubenden Blick auf die kongolesische Bergkette, in deren knittrigen Falten man bei klarer Sicht Lehmhäuser zu entdecken vermag. Man denkt: “ Dieses Land ist fantastisch!“. Ich bin schon seit geraumer Zeit davon überzeugt, dass Burundi das perfekte Ferienparadies wäre. An diesem Traum kommen Zweifel auf, wenn man einen Burundesen vom Bürgersteig aufliest, der auf Grund der Hitze und mangels Nahrung einen Schwächeanfall bekommen hat. Er wird schließlich zunichte gemacht, weil der Soldat, der an diesem Mann vorbeiläuft, auf die Frage, ob es nicht seine Pflicht sei, seinem Mitbürger zu helfen, antwortet: „Der wurde doch nicht überfahren! Der lebt ja noch!“.
Burundi erscheint mir aber auch als ein Land der Gegensätze. Wenn es doch nicht üblich ist, sich gegenseitig in Notsituationen beizustehen (es sei denn, es handelt sich um einen Verwandten), ist man beim Einkaufen in der Stadt durchaus sehr hilfsbereit. Egal, ob ich auf der Suche nach einem bestimmten Produkt bin oder mein Laptop eine Generalüberholung benötigt – immer ist eine Gruppe Menschen zur Stelle, die über die Vor- und Nachteile dieses Produktes oder jenes Geschäftes zu berichten weiß. Unser Lieblingskellner Jerome in einem Restaurant direkt auf dem Markt war uns schon bei der Suche nach diversen Gütern behilflich, darunter Rucksäcke und Akkus. So kam es, dass nun ein wahrscheinlich gefälschter chinesischer Sony-Ericcson-Akku ein Samsung-Handy lädt. Wenn das Sony Ericcson und Samsung wüssten!
Ich habe das Gefühl, dass man in Burundi manchmal nicht weiß, woran man ist. Der eine Tag ist schön und sorgenfrei, der nächste macht einem Angst. Das liegt daran, dass mir die Erfahrung fehlt, um die Lage korrekt einschätzen zu können. Wenn ich in den Nachrichten lese, dass die Armee das Gerücht verbreitet, die Rebellen planten einen Angriff auf Bujumbura, gehe ich zwar davon aus, dass es sich um politisch motivierte Taktik handelt. Aber zu sicher will ich mir lieber nicht sein.

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~ von lauraschmidtniederhoff - Januar 5, 2008.

Eine Antwort to “Gegensätze”

  1. Hallo Laura, Sie gehen häufiger ins Internet, können Sie Ruth Bescheid sagen, dass noch Spenden „Weihnachtsgeschenke“ von der Pfarre für die kids kommen? – von Ruth P!! Die Lage, wie Sie sie schildern, ist ja beunruhigend. Danke für Ihre Einschätzung und Ihre ehrliche Darstellung, Grüße Barbara

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