Einmal Europa und zurück

Nun bin ich wieder in Burundi. Wie viele Leser bemerkt haben dürften, war ich eine Zeit lang abwesend. Genauer gesagt zwei Wochen, in denen ich meinen Geburtstag in europäischem Luxus feiern konnte. Was bedeutet: Heißes Badewasser, eisige Temperaturen, leckere Ravioli mit Scampi-Füllung. Nach einer leichten Magenverstimmung habe ich mich dann fast schon wieder auf den biologischen Reis mit Bohnen in Burundi gefreut. Davor galt es aber noch, diverse Museen unsicher zu machen, ins Kino zu gehen, einfach nur durchs Fernsehen zu zappen, bis Mittags zu schlafen, einkaufen zu gehen, Waffeln mit Schokoüberzug zu essen, zu beobachten, dass es immer noch Mode ist, die Jeans in hohe Stiefel zu quetschen. Europaschock? Eigentlich nicht. Das Überraschende war, dass Europa schon im Warteraum des futuristischen Flughafens von Bujumbura begann, in der Maschine von Brussels Airlines fortgesetzt wurde und die Landung auf europäischem Boden nur die Vervollständigung eines kuriosen Wandels war: Innerhalb eines Tages Dritte Welt – Erste Welt. Da ich aber in Letzterer aufgewachsen bin und sie somit verinnerlicht habe, hielt sich der Schock in Grenzen.
Dennoch verglich ich in den ersten Tagen das europäische Festland automatisch mit Burundi. Die Ananas im Supermarkt sah zu klein aus. Der Bürgersteig war sauber gepflastert. Der Kellner im Café um die Ecke war ausgesprochen zuvorkommend. Ich konnte durch die Stadt flanieren, ohne Röntgenblicke in meinem Rücken zu spüren. Keine bewaffneten Polizisten in den Straßen. Keine Nachrichten von Rebellen. Da fühlt man sich doch richtig frei! Dafür erinnerten mich die Bettler vom Volke der Roma, die sich an den Touristenstraßen bereit hielten, wiederum sehr an die Straßenkinder Burundis. Nur dass die Roma, die übrigens auch in Begleitung ihrer Kinder bettelten, wärmer gekleidet waren und einen größeren finanziellen Erfolg verzeichnen konnten.
Afrika begegnete mir aber auch in Europa. Beim Einkaufen bog ich aus Versehen in eine Seitenstraße ein und – siehe da – ein afrikanisches Viertel, das sich im Laufe der Zeit aus der Anneinanderreihung verschiedener Afro-Shops gebildet hatte. Sofort fühlte ich mich versetzt nach Burundi, allein durch die Tatsache, dass plötzlich Massen die Gehsteige blockierten, diskutierten und dabei ausladend gestikulierten. Auch die Begegnung mit einer burundischen Krankenschwester werde ich so schnell nicht vergessen, die strahlend ausrief: „Mein Land!“, nachdem sie von meiner Tätigkeit in Burundi erfahren hatte.
Überhaupt wurde deutlich: Afrikaner wissen, wo Burundi liegt. Europäer wissen meistens nicht einmal, dass es sich dabei um ein Land handelt, geschweige denn um das ärmste Land der Welt. Ich schwinge nicht die Moralkeule, denn ich hätte es auch nicht gewusst, wenn ich nicht Imani kennengelernt hätte. Wahrscheinlich hätte ich nicht einen Fuß nach Afrika gesetzt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das erste Mal Burundi auf der Landkarte gesucht habe. Der Aha-Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Ein kleines Land, das doch tatsächlich neben Ruanda liegt?! Ja, von Ruanda hat man schon mal was gehört, da war doch dieser Genozid, oder nicht? Und Kenia, das liegt ja auch ganz in der Nähe! Aber was ist eigentlich los in Burundi? Ich googelte und fand – so gut wie nichts. Das wollen wir ändern.
Ich bin also am Sonntag Abend wieder in Burundi gelandet. Afrikaschock? Zum Glück nicht. Ich war einfach wieder da. Das Schöne ist, dass ich nach meinem „Ausflug“ nach Europa nun die Gewissheit besitze, dass ich beide Kontinente bereisen kann, ohne Zerrissenheit zu verspüren. In dieser Hinsicht bin ich absolut gelassen. Also auf in die Arbeit!

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~ von lauraschmidtniederhoff - Februar 13, 2008.

5 Antworten to “Einmal Europa und zurück”

  1. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, also auch ein Wassermann? Ihr Artikel wieder super glatt geschrieben, Wie wird es für Imani und Sie weitergehen? Wie lange bleiben Sie? Herzliche Grüße mit viel Hochachtung, Barbara

  2. Liebe Frau Nießen,
    da muss ich ja erst mal zurück gratulieren! Ich habe schon gehört, dass in ihrer Familie alle Wassermänner versammelt sind :-). Imani und ich werden uns jetzt wieder in die Arbeit stürzen. Ende Mai wollen wir abreisen, hoffentlich steht bis dahin alles so weit. Wir wollen es auf jeden Fall versuchen! Ruth will noch mit mir sprechen wegen Ihrem Geburtstag, ich werde sie gleich heute Abend abfangen.
    LG,
    Laura

  3. danke für die Gratulation, Leo bringt dann was mit! Gruß Barbara
    Ist Kerstin gut im Norden angekommen???

  4. Kerstin geht´s gut, sie ist gestern angekommen und Ruth hat ganz viele Fotos gemacht. Sie hat ein sehr schönes Zimmer in Muyinga, alles ist hell und freundlich. Sie ist ja jetzt auch nicht ganz alleine, eine Krankenschwester ist mit ihr auf der Ernährungsstation. Wir halten auch auf jeden Fall telefonisch Kontakt und überlegen schon, wann wir sie besuchen. Ist ja alles sehr spannend bei ihr!

  5. vielen Dank für die Infos, Grüße an alle, telefonieren morgen mit Ruth, freu mich! Initiative, Fußballtrikots, Schue hier zu bekommen, ist bisher erfolglos, schade,Barbara

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