Chancen für die Zukunft

Als ich letzten Freitag in unserer wöchentlichen Besprechung von Muhira zusammen mit unseren Mitarbeitern saß, sind mir einmal mehr die Unterschiede zwischen jungen Europäern und ihren Aussichten und denen unserer burundischen Freunde aufgefallen. Ich hatte mir von Ruth ein Buch ausgeliehen, das über die Möglichkeiten eines Studiums in Deutschland informiert. Nicht, dass ich nicht schon wüsste, was ich ab dem Wintersemester in München studieren möchte – aber bei dem großen Angebot, das deutsche Universitäten anbieten, überfällt mich von Zeit zu Zeit die Angst, dass mir ein neuer, adäquaterer Studiengang, von dem ich noch nichts weiß, durch die Lappen gehen könnte. Ich blätterte also in der Broschüre, während ich gleichzeitig die Punkte im Auge behielt, die auf der Tagesordnung standen: Veränderungen im Personalwesen, der Verlauf der Turniere in Kanyosha und Buyenzi, die kommende Siegerehrung, die es vorzubereiten galt. Währenddessen riet mir das Buch, meine Vorlieben und Talente gründlich zu überprüfen, um mich dann für den richtigen Studiengang in Deutschland einzuschreiben. Viel Auswahl gibt es: Jura (dieses Studium favorisiert mein Vater), Landschaftsarchitektur (dieses Studium favorisierte einst ein Begabungstest in der 10. Klasse) oder Geschichte (ein Studium, das meine ehemalige Deutschlehrerin, ebenfalls in Geschichte tätig, nur eingeschränkt favorisiert). In meiner Entscheidungsnot ließ ich meinen Blick über die Runde schweifen und stellte mir vor, welches Berufsziel jedes einzelne Mitglied unserer inzwischen zehnköpfigen Gruppe anstreben würde, hätte er das Geld und die Auwahl, die es in einem Land wie Burundi nicht gibt. Da ist zum Beispiel die schüchterne Bahati, die mit einer großen Sprachbegabung gesegnet ist und sich sofort in ein Heft oder ein Buch vertieft, wenn eines zur Hand ist. Dann sitzt dort Haruna, der Disziplinierteste und Aufmerksamste unserer Runde, der all seine ihm nahe stehenden Verwandten verloren hat und bei unserer Ankunft nicht mehr weit davon entfernt war, zu einem jungen Mann der Straße zu werden. Oder Bukuru, eine unglaublich kommunikationsfreudige junge Frau, ohne die wir unsere Arbeit in den Armenvierteln nicht so effektiv erledigen könnten. Ich betrachte das Buch in meinen Händen, das Symbol meiner Chancen, und mir gegenüber sitzen Menschen, denen wir durch unser kleines Straßenfußballprojekt tatsächlich Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft geben. Oh Gott.
Dabei können wir unseren Mitarbeitern nicht einmal ein angemessenes Gehalt für ihre Arbeit zahlen. Momentan verdienen sie 10.000 FBU im Monat, das sind ungefähr sechs Euro. Wir wollen uns natürlich steigern, aber das ist alles andere als einfach. Und das ist auch Thema in unserer Besprechung an diesem Freitag: Wie schaffen wir es, von Burundi aus Aufmerksamkeit auf ein Projekt zu lenken, dass 1. in den Anfängen steht und sich 2. ausnahmsweise mal nicht auf hungernde Kinder oder vergewaltigte Frauen konzentriert, sondern auf die „ganz normale Mitte“ der Gesellschaft, auf Frauen, die stark und talentiert sind, aber den Zwängen ihrer Gesellschaft nicht entkommen können? Wie soll man einer potentiell unterstützenden Organisation aus Europa klar machen, warum wir darauf achten, dass Jugendliche aus den Armenvierteln selbst die Leitung der Organisation übernehmen, ohne dass uns das als Inkompetenz ausgelegt wird?

Einer unserer wenigen Lichtblicke war der Besuch von Martina Wziontek, dem Vorstand von Burundikids e.V. Vielleicht muss man fußballbegeistert sein und die Wirkung selbst erfahren haben, die ein Teamsport wie Fußball vermitteln kann: Toleranz, Fairplay, steigendes Selbstbewusstsein, Übernahme von Verantwortung. Oder einfach nur die Erkenntnis, dass man in Gemeinschaft stark ist. Ich kann es nicht oft genug betonen: Das ist besonders für Mädchen und junge Frauen in den Armenvierteln wichtig, die von ihren männlichen Gefährten bis auf wenige Ausnahmen nicht im Mindesten ernst genommen werden. Martina hat sich unser Projekt angesehen, war begeistert und mit viel Fleiß – denn Imani und ich müssen unsere Regelung der Nachfolge ab Ende Mai festigen – und viel Glück kommt es vielleicht zu einer dauerhaften Kooperation zwischen Burundikids und Muhira. Die ersten Schritte sind getan, denn ein Modell für eine Nachfolgeregelung ist gefunden. Ruth, eine Freiwillige Helferin, ist bis August vor Ort in Burundi und wird ab Ende Mai die Aufgabe des Kassenwarts übernehmen. Sie wird die Abrechnungen von Muhira überprüfen und ebenso Stichproben machen, ob Abläufe und Termine bezüglich der Turniere am Wochenende und der Siegerehrungen eingehalten werden. So können wir garantieren, dass eine mögliche dauerhafte Unterstützung auch da ankommt, wo sie gebraucht wird. Die Leitung der Organisation selbst liegt nach wie vor bei dem erprobten Kern der Muhira-Mannschaft. Sie kümmern sich um unsere Mitglieder, organisieren die Turniere und führen die Siegerehrungen durch. Hier haben wir bereits eine neue Struktur eingeführt, um Entscheidungsbefugnisse abzugrenzen. Eine jeweils fünfköpfige Mannschaft kümmert sich um das Armenviertel Kanyosha (Emmanuel, Francois, Adija, Pépe und Eric) und das Quartier Buyenzi (Haruna, Bukuru, Bahati, Jasmin und Aline).
Wenn Ruth abreist, muss natürlich ein neuer Kassenwart gefunden werden. Möglicherweise ergibt sich aber auch hier eine Kooperation mit der Fondation Stamm. Wir sind auf einem guten Weg.

Gestern haben wir schließlich den Abschluss der zweiten Fußballsaison in Buyenzi mit einer großen Siegerehrung gefeiert. Die ersten drei Mannschaften haben Taschen und Käppis gewonnen, die Mütter, die mit ihren Kindern erschienen, haben wir mit Seife bedacht. Beim anschließenden Tanzen und Feiern waren die Mädchen so ausgelassen und selbstbewusst wie noch nie. Und in mir manifestierte sich zum ersten Mal der Gedanke: Selbst wenn unser Projekt nur sechs Monate lang existieren sollte – vielleicht haben wir in dieser kurzen Zeit ja doch etwas bewegt? Vielleicht ist es etwas, das man nicht in Zahlen, aber an der Intensität der strahlenden Augen unserer Mädchen messen kann.

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~ von lauraschmidtniederhoff - März 31, 2008.

Eine Antwort to “Chancen für die Zukunft”

  1. Liebe Laura, liebe Imani, das kamm wieder gut und intensiv rüber, wir drücken weiter die Daumen un dfreuen uns, dass Ruth einen Part übernommen hat. Wir hoffen, dass die Unterstützung durch burundikids zustande kommt, bleibt dran! Gruß Leo , Barbara

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