Über Burundi

Land 

Die Republik Burundi ist mit einer Fläche von etwa 27.500 Quadratkilometern eines der kleinsten Länder des Kontinents und liegt in der Region der Großen Seen in Ostafrika. Umschlossen wird es im Norden von Ruanda, im Osten und Süden von Tansania und im Westen grenzt es an die Demokratische Republik Kongo (DRC). Der Tanganjikasee ist – abgesehen von einigen grenzüberschreitenden Flüssen – der einzige Anschluss an ein großes Gewässer und wird zur Hälfte mit der DRC geteilt. Das Klima ist äquatorial regnerisch, die Regenzeit dauert von Oktober bis Mai mit einer kurzen Unterbrechung im Januar. In den Höhenlagen (teilweise 2.000 Meter über dem Meeresspiegel) herrscht jedoch ein gemäßigteres Klima.

In Burundi – das Land mit der zweitgrößten Bevölkerungsdichte Afrikas – leben etwa sieben bis acht Millionen Menschen, der Bevölkerungswachstum ist enorm. In der Hauptstadt Bujumbura im Westen des Landes leben etwa 400.000 Menschen. Die Burunder unterscheiden sich in die Volksgruppen der Hutu (etwa 85 Prozent), Tutsi (etwa 14 Prozent) und der Urbevölkerung im Norden, das Pygmäenvolk der Twa (etwa ein Prozent). Die Landessprache ist Kirundi, Amtssprache Französisch. Hinzu kommt im Raum der Hauptstadt die ostafrikanische Handelssprache Suaheli.

Etwa 65 Prozent der burundischen Bevölkerung gehören der katholischen Kirche an, etwa 15 Prozent sind protestantisch, fünf Prozent muslimisch und 15 Prozent praktizieren afrikanische Religionen. Der Islam erlangt jedoch – nicht zuletzt aufgrund politischer Gründe – mehr und mehr Beliebtheit. In Bujumbura liegt die Zahl der Islam-Anhänger bei stetig wachsenden zehn Prozent.

Burundi ist neben einigen Wirtschaftsbündnissen mit anderen, meist umliegenden afrikanischen Staaten auch Mitglied der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union.

In der Öffentlichkeit und dem Interesse der Medien steht Burundi bis heute im Schatten seines Nachbarlands Ruanda. Die Zahlen der öffentlichen Hilfsgelder und -güter der beiden Bruderstaaten lassen sich nicht vergleichen. Jedoch tobte in Burundi der selbe verheerende Bürgerkrieg und die selben Folgen gilt es zu bewältigen.

© Fondation Stamm 2007

Geschichte

Vorgeschichte

Die Rivalität, die sich aus dem ungleichen Herrschaftsverhältnis der Minderheit der Tutsis über die Bevölkerung der Hutus ergab, reicht zurück bis in die Zeiten vor der deutschen Kolonisation. Es ist sicher, dass die Gruppen der Hutu und Tutsi lange davor existent waren und sich ihre Benennungen selbst gegeben haben. Das selbst für Afrika ungewöhnliche Herrschaftssystem bestand aus einem sich auf ein Gottesgnadentum berufenden König und den Prinzen aus den Thronfolgerfamilien, den Ganwa. Die Ganwa wurden als eine eigene ethnische Gruppe angesehen auf Grund ihrer hohen Stellung im Machtgefüge. Da die Ganwa-Fürsten faktisch die Macht über Burundi in Händen hielten und die absolute Herrschaft des burundischen Königs außerhalb seiner eigenen Güter nur in der Theorie existierte, war der König gezwungen, einen Teil seines Rückhalts bei der Landbevölkerung, den Hutus, zu suchen. Auf Grund des permanenten Machtkampfes des Königs mit seinem Adel und der bestehenden Bande des Königshauses zu den Hutus gab es in Burundi von Seiten der Hutu-Parteien bis 1966 niemals die Forderung nach Abschaffung des Königtums. Der Sturz des Königs wurde in Burundi von dem Tutsi-Adligen Michel Micombero vollzogen. Anders in Ruanda: Vor dem Eintritt der Europäer waren die Herrschaftsstrukturen bereits in einer Weise gefestigt, die den Tutsi unumschränkte Herrschaftsansprüche gegenüber den Hutus sicherten. Somit war der König nicht gezwungen, Rückhalt bei der Bevölkerung zu suchen, was zu einer Verschärfung des Konfliktes in Ruanda im Vergleich zu Burundi führte.
Der brodelnde Kessel des Rassenhasses explodierte allerdings erst gegen Ende der belgischen Kolonialzeit. Sowohl die deutschen Kolonialherren als auch die Belgier, die Ruanda-Urundi nach der Niederlage des Dritten Reiches von den Deutschen übernahmen, optierten für ein Kolonialsystem des „indirect rule“. Deshalb galt es zu bestimmen, wer als Partner am ehesten in Frage kam. In Burundi entschied man sich unter belgischer Mandats- und Treuhandverwaltung nach einigem Zögern für die Königsmacht, ebenso wie in Ruanda. Auch die katholische Kirche, die ihre Tätigkeit der nachhaltigen Missionierung aufgenommen hatte, bevorzugte die Tutsi-Oligarchie im Sinne ihrer Kirchenpolitik. Mitte der 50er Jahre erfolgte ein Kurswechsel von historischer Bedeutung: Sowohl in Burundi als auch in Ruanda begann die Vorbereitung der beiden Länder auf die Unabhängigkeit. Zugunsten der Hutu-Mehrheitsbevölkerung und von einem plötzlichen demokratischen Gedanken beseelt, wurde ein zuvor entwickelter „Zehn-Jahres-Plan“ in die Tat umgesetzt, der zu einer Gleichstellung der Hutus mit den zuvor bevorzugten Tutsis führen sollte. Dieser Bruch der Kolonialverwaltung mit der burundischen und ruandischen Königsmacht wurde von der katholischen Kirche unterstützt.
Die ersten demokratischen Wahlen fanden im Dezember 1960 statt. Die zuvor durch den Prinzen Louis Rwagasore gegründete Partei UPRONA (Union pour le Progrès National) steuerte einen antikolonialen, somit anti-belgischen Kurs an und stand der katholischen Kirche distanziert gegenüber. Bemerkenswert ist hier, dass Rwagasore keineswegs seine Verbindungen zum Königshaus in den Vordergrund stellte oder gar politisierte. Es gelang ihm vielmehr, die UPRONA in ihren Anfängen multi-ethnisch zu organisieren. Sein Wahlversprechen beinhaltete die Unabhängigkeit noch vor der Etablierung einer demokratischen Ordnung. Der Partei Rwagasores gegenüber stand die PDC, die von dem belgischen Gouverneur Harroy unterstützt wurde. Harroy stufte die gegnerische Partei UPRONA als pro-kommunistisch ein und erreichte ein Ausgehverbot für Rwagasore, was dessen Partei im Dezember 1960 massiv schwächte. Nachdem die UPRONA an der neu gebildeten Interimsregierung auf Harroys Betreiben hin keine Beteiligung erhielt, fand Rwagasore Gehör bei der UNO und erreichte Neuwahlen im September 1961, die er unter dem Motto „Für Volk und König“ gewann. Harroy blieb keine Wahl: Er musste Rwagasore mit der Bildung einer Übergangsregierung betrauen. Die Ermordung Rwagasores am 13. Oktober 1961, initiiert von zwei PDC-Führern und mit nicht geklärter Beteiligung der belgischen Kolonialmacht, bildet den Beginn der ethnischen Auseinandersetzungen zwischen den Hutus und den Tutsis in Burundi.
Die UPRONA, bis dahin multi-ethnisch, spaltete sich auf. Der Flügel der Jugend der Partei, die Jeunesse Révolutionaire Rwagasore (JJR), radikalisierte sich und leitete die „Tutsiisierung“ der UPRONA ein. Zusätzlich verstärkt wurde der Konflikt durch die Flucht vieler Tutsi-Royalisten aus Ruanda in das Nachbarland Burundi. Die von dort aus geführten Angriffe auf Ruanda bis in die Mitte der 60er Jahre führten dazu, dass die politischen Interessengegensätze der Hutus und Tutsis in Burundi als ethnische Antagonismen an Boden gewannen. Durch die Machtergreifung des Tutsi-Offiziers Micombero nach einem Aufstand einer Hutu-Widerstandsbewegung im Oktober 1965 manifestiert sich die Unterdrückung der Mehrheitsbevölkerung durch die Tutsi ein weiteres Mal.

Die Ära Micombero

Die Ära Micombero war geprägt durch eine breite Blutspur, die sich durch das ganze Land zog. Micombero gelang die Machtergreifung, indem er die Hutu-Rebellengruppe 1965 zerschlug und den seit 1931 die Macht ausübenden König Mwambutsa IV. zwang, sein Exil in der Schweiz zu suchen. Mwambutsa IV. übergab die Regentschaft an seinen Sohn Ntare V., der einige Monate nach seiner Berufung seinen Vater stürzte und Micombero offiziell zum Ministerpräsidenten erhob. Micombero dankte es ihm, indem er Ntare V. im September 1966 während eines Aufenthaltes in Kinshasa seiner Macht beraubte. Der König ging nach Uganda ins Exil, ließ sich aber 1972 nach Burundi „zurücklocken“ (es ist nicht völlig geklärt, ob er nur überredet oder entführt wurde) und wurde am 28. April 1972 in der alten Königsstadt Gitega hingerichtet.
Die Ermordung des letzten burundischen Königs war unter anderem der Auslöser für den Ethnozid von 1972. Nach dem Tod des Königs unternahm eine kleine Hutu-Rebellengruppe einen Umsturzversuch. Man geht heute davon aus, dass Micombero entweder von dem Aufstand im Vorhinein gewusst hat oder ihn sogar selbst provoziert hat, um ihn in seinem Sinne nutzen zu können. Zusätzlich entstanden größere Unruhen im Süden des Landes, hervorgerufen durch zairische Rebellen. Dies veranlasste Micombero dazu, die Armee des zairischen Präsidenten Mobutu zur Hilfe zu rufen und zusammen mit seinen eigenen Truppen einen vernichtenden Schlag gegen die Hutus zu führen. Wichtig hierbei ist, dass auch Rebellen aus einer zu Micombero rivalisierenden Tutsi-Gruppe an der Revolte beteiligt waren. Die Konkurrenz der Tutsi-Hima-Gruppe (welcher Micombero angehörte) aus dem Süden Burundis und der Tutsi-Adligen aus dem zentralen Hochland des Landes ist auch heute noch präsent. Mit zairischer Hilfe zerschlug Micombero den Aufstand, bei dem ca. 2000 Menschenleben gefordert wurden. Im Sommer 1972 schließlich wurden zwischen 100.000 und 300.000 Hutus planvoll umgebracht, vornehmlich solche mit Schulbildung. Dieser Völkermord, der von der Armee und militanten Gruppen der Jeunesse Révolutionaire Rwagasore (JJR) vorangetrieben wurde, war hauptsächlich ein Elitenmord.

Jeremy Greenland (1) schreibt dazu: „Der Regierungsrundfunk ermunterte die Bevölkerung, `die Python im Gras zu jagen´, ein Befehl der von den Tutsi im Landesinneren als Freibrief verstanden wurde, alle gebildeten Hutu, herunter bis zur Sekundarschulebene, in manchen Fällen sogar Primarschulkinder, umzubringen. Armee-Einheiten beschlagnahmten Lastwagen von Händlern und Fahrzeuge der Missionen, fuhren zu den Schulen und brachten ganze Gruppen von Kindern auf einmal weg. Tutsi-Schüler bereiteten Listen ihrer Hutu-Mitschüler vor, um die Identifizierung durch offizielle Stellen zu erleichtern. […] Einige der scheußlichsten Szenen spielten sich in den Gebäuden der staatlichen Universität, sowie in Sekundar- und Berufsschulen in Bujumbura ab. Ganze Gruppen von Hutu-Studenten wurden von ihren Tutsi-Mitstudenten und Mitschülern angegriffen und viele von ihnen totgeprügelt. In einem Szenarium, das sich immer und immer wieder abspielte, tauchten Soldaten und Mitglieder der Rwagasore-Jugend auf, riefen namentlich alle Hutu-Studenten auf und nahmen sie mit. Nur wenige kamen jemals zurück.“

Nach diesem Massenmord regierte Micombero unbehelligt weiter bis 1976. Es ist erstaunlich, dass seine Herrschaft Bestand haben konnte, so, als wäre nichts geschehen. Auch das außerafrikanische Ausland verhielt sich auf diese Weise. Die einzigen Sanktionen erfolgten von Belgien, das aber bald einen Kurswechsel in der Politik gegenüber Burundi vornahm, als es sich von Frankreich in dieser Frage übergangen und isoliert sah. Nur dem tanzanischen Staatspräsidenten Nyerere gelang es, Burundi einen wirtschaftlichen Schlag zu versetzen mit der Sperrung der Häfen Dar-es-Salaam und Kigoma.
Im Laufe der folgenden Jahre ließ sich Micombero in Burundi noch mehr Macht zuteilen. Angriffe von Hutu-Rebellen aus Ruanda und Tanzania überstand sein Regime, Micombero selbst jedoch verfiel zunehmend dem Alkohol. Sein persönlicher Verfall zog letztendlich den Staatsverfall nach sich, was sich 1976 sein Vetter Bagaza zu Nutze machte, um mit Unterstützung des Militärs der Micombero-Diktatur ein Ende zu bereiten. Micombero ging nach Somalia ins Exil, wo er 1984 im Alter von 43 Jahren seiner Alkoholsucht erlag.

Jean-Baptiste Bagaza

Bagaza regierte von 1976 bis 1987. In diesen Jahren gelang ihm der Neuaufbau der gesellschaftlichen und staatlichen Struktur. Aus Hutu-Sicht hegte er jedoch kein Interesse für die Gleichstellung von Hutus und Tutsis, was sich darin manifestierte, dass es nach einem Dekret des Generalsekretärs der UPRONA, dem Historiker Emile Mhoroha, verboten war, „Hinweise auf eine ethnische Identität“ zu geben. Das bedeutete, dass allein die Nennung „Hutu“ oder „Tutsi“ zu einer Anklage wegen Aufreizung zum Rassenhass führen konnte. Dieses Dekret wurde zur Abwehr von Hutu-Forderungen benutzt: Wenn keine Unterschiede bestehen, darf sich auch niemand wegen Diskriminierung beklagen. Dem gegenüber steht aber, dass sich in der Regierungszeit Bagazas hauptsächlich Tutsis an der Macht befanden: Sowohl der Oberste Militärrat, der nach dem Sturz Micomberos die Geschicke Burundis bestimmte, als auch die wieder ins Leben gerufene UPRONA waren Hochburgen der Tutsis.
Dennoch brachten die Jahre zwischen 1976 und 1985 einige ökonomische Fortschritte und die Wiederaufnahme Burundis in den Kreis der wichtigsten Empfängerländer westlicher Entwicklungshilfe mit sich. Die ethnischen Spannungen waren spürbar für denjenigen, der sie wahrnehmen wollte, konnten aber auch leicht übersehen werden. So agierte auch das europäische Ausland. Eine 1985 abgehaltene Konferenz der Universität Bujumbura zusammen mit dem französischen „Zentrum für Afrikastudien“ sollte den Beweis erbringen, dass die Politik Bagazas volle Zustimmung vor allem auch in der Landbevölkerung fand, obwohl dies nachweislich nie der Fall war. Höhepunkt ausländischer Anerkennung war schließlich der französisch-afrikanische Gipfel 1984 in Bujumbura, der der Diktatur Bagazas mit schein-demokratischer Hülle die erwünschte Wertschätzung zugedachte.
Bagazas Fall begann, als er eine Art „Kulturkampf“ mit der katholischen Kirche vom Zaun brach zur Überspielung der innergesellschaftlichen Spannungen. Als Ablenkungsmanöver gedacht, entpuppte sich diese Idee als Gefahr für sein Regime. Seine Regierung, in Zusammenarbeit mit der antiklerikalen UPRONA, beschränkte massiv den Wirkungsbereich der Kirche, indem sie im April 1986 kirchliche Privatschulen im Sekundarbereich und Alphabetisierungszentren verbot. Bagaza hatte jedoch nicht mit dem umfassenden Protest des westlichen Auslands gerechnet. Der Protest gipfelte in dem offenen Brief des Papstes an die burundische Regierung, die somit an den Pranger gestellt wurde. Daraufhin wurde offen mit dem Entzug der Entwicklungshilfe gedroht. Zusätzlich zu dem außenpolitischen Druck bewirkten innenpolitische Spannungen Bagazas Sturz. Im Rahmen der mit der IWF und der Weltbank vereinbarten Strukturanpassungsprogramme wurden Sparmaßnahmen ins Leben gerufen, die vor allem die niederen Ränge der Bevölkerung betrafen, unter anderem das Militär. Demgegenüber war die Bevölkerung der Meinung, dass sich vor allem die obere Schicht Burundis übermäßig an staatlichen Geldern bediente.

Pierre Buyoya

Auf Grund von Widerständen gegen die Sparmaßnahmen entließ Bagaza eine ganze Reihe von Offizieren. Als er 1987 außer Landes war, ergriff ein Tutsi-Offizier namens Pierre Buyoya die Macht, aus Angst, bei einer zweiten Entlassungswelle liquidiert zu werden. Bagaza ging nach Lybien ins Exil. Mit Buyoya war die III. Republik geboren. Sie machte es sich zur Aufgabe, den drohenden Entzug der Entwicklungshilfe abzuwenden und zu vermeiden, dass sich die internationale Gemeinschaft der „Armeefrage“ zuwandte. Beides gelang, nicht zuletzt durch die prowestliche Politik der neuen burundischen Regierungsmacht.
Auch unter Buyoya wurde der Hutu-Tutsi-Gegensatz nicht gelöst. Zwar wandte sich ein Tutsi-Bischof aus Bururi mit der Nachricht an das Militär, endlich über den ethnischen Gegensatz zu sprechen und ihn nicht zu verschweigen, dennoch kam es zu Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen unter Mithilfe der Armee. In Ntega und Marangara, zwei Provinzen im Norden Burundis, hatten sich auf Grund der Ruanda-Burundi-Dialektik nach der ruandischen Revolution von 1959 sehr viele Tutsi-Flüchtlinge und Emigranten angesiedelt. Zusätzlich brachen alte Rivalitätsmuster aus: Die Hima-Tutsi aus dem Süden wandten sich gegen die neu angesiedelten Bezi-Adligen des Nordens. Um in dem auftretenden Machtkampf die Oberhand zu gewinnen, setzten Hima-Tutsi des Südens in den von Hutu bewohnten Dörfern des Nordens Gerüchte in Umlauf, die Bezi-Adligen wollten die Hutu-Bauern enteignen und sich der Kaffee-Ernte bemächtigen. Durch einige Wechselwirkungen und konspirative Zusammenkünfte verursacht, probten die Hutu-Bauern an ihren Tutsi-Nachbarn den Aufstand und ermordeten eine Vielzahl. Die burundische Armee, hauptsächlich aus Tutsi bestehend, war indessen zur Befriedung der Region angerückt. Anstatt jedoch ihrem Auftrag Folge zu leisten, stoppte sie zwar das Abschlachten der Tutsis, leitete jedoch als Vergeltungsmaßnahme ein Gemetzel an der Hutu-Bevölkerung ein. 60.000 Hutus flohen nach Ruanda, die Zahl der Opfer schwankt zwischen 5000 (nach Angaben der damaligen Regierung) und 44.000 Toten (nach Angaben von Historikern).
Diese Aktion behinderte Buyoya in seinem Streben, sich der internationalen Gemeinschaft anzunähern. Direkt nach den kriegerischen Auseinandersetzungen erklärten Regierungsmitglieder, sie hätten keinerlei Interesse an der Provokation dieses Konfliktes gehabt. Buyoya betonte, er wolle den begonnenen Demokratisierungsprozess fortführen und brauche dafür internationale Unterstützung. Dieser Konflikt bewirkte, dass das Hutu-Tutsi-Problem, das lange Zeit als innere Angelegenheit Burundis betrachtet wurde, auch im Rahmen der Entwicklungspolitik und -hilfe berücksichtigt wurde. Selbst die Weltbank gab ihre Neutralität auf: In einem Schreiben drohte deren Präsident, die Hilfe einzustellen, sollte es zu weiteren Repressionsmaßnahmen der Armee kommen. Auch die US-amerikanische Regierung verurteilte in einer Resolution zum ersten Mal die Minderheitsherrschaft der Tutsi in Burundi und die Reaktion der Armee in Ntega und Marangara. Sie drängte die burundische Regierung zur Fortführung der Politik der nationalen Versöhnung. Außerdem machte die USA weitere Hilfe von der Untersuchung der Ereignisse in Ntega und Marangara abhängig und forderte eine Reform der Armee.
Besonders die Drohung des finanziellen Hilfeentzugs bewirkte die Entwicklung einer Militärdiktatur hin zu einem demokratischen Staat. Eine Reform der Armee allerdings geschah nicht, da außer dem US-Senat kein Parlament – auch nicht das deutsche Parlament in Bonn – Interesse zeigte, Druck dahingehend auszuüben, dass die Armee auch für Hutus zugänglich wurde.
Dennoch hielt Buyoya Wort, seine Regierung zu demokratisieren. 1988 berief er den Hutu Adrien Sibomana zum Ministerpräsidenten, der erste Hutu in dieser Position seit 1965. Sibomana stellte eine ethnisch paritätisch besetzte Regierung auf und im Rahmen der vom burundischen Militär zugebilligten Grenzen war man bereit, der Modernisierung eine Chance zu geben. Im Herbst 1988 wurde zudem eine „Nationale Kommission zum Studium der Frage der Nationalen Einheit“ geschaffen, die 1989 erstmals einen Bericht über den Konflikt zwischen Tutsis und Hutus vorlegte – zwar in unterkühlter Diktion, aber gleichsam ein Eingeständnis des nationalen Problems.
Als Folge des Berichtes entwickelte sich ein bisher ungenannter Faktor der burundischen Politik weiter: Die seit 1983 vorhandene Hutu-Untergrundbewegung FRODEBU entwickelt sich unter Melchior Ndadaye zu einer kompromissbereiten, reformwilligen Partei. Auch die UPRONA ließ sich davon beeinflussen und war bereit, einen Schritt in Richtung ihres multi-ethnischen Ursprungs zu machen. Dies gipfelte 1993 in den ersten demokratischen Wahlen Burundis, die mit harten Bandagen ausgetragen wurden. Hauptkontrahenten sind die FRODEBU und die UPRONA. Obgleich sich diese beiden Parteien zu diesem Zeitpunkt als multi-ethnisch bezeichnen, ist die FRODEBU die Partei der Hutus, während die UPRONA die Tutsis repräsentiert. So ist es nicht verwunderlich, dass Buyoya, Mitglied der UPRONA, eine herbe Niederlage erlitt, während Ndadaye, der Hutu-Partei FRODEBU angehörend und damit von der Bevölkerungsmehrheit unterstützt, zum Hoffnungsträger einer neuen Demokratie wird.

Die Ermordung Melchior Ndadayes und Anarchie

Ndadaye fand sich nun wieder inmitten von allen Seiten zerrender Kräfte. Zum einen musste er die Forderungen der aus dem Ausland wiedergekehrten Hutu-Flüchtlinge nach tiefgreifenden Veränderungen erfüllen. Zum anderen galt es, die ihrer Macht und Stellung beraubten Tutsi zufriedenzustellen. Dies gelang ihm nur zum Teil durch die Berufung der Tutsi Sylvie Kingi zur Ministerpräsidentin. Dieses Zeichen der Versöhnung wurde aber nicht von allen Seiten anerkannt. Es kam zu Destabilisierungsversuchen und einer diffamierenden Pressekampagne, die zu der Ermordung Pierre Ndadayes am 21.10.1993 führte. Der Mord hatte katastrophale Folgen für Burundi und stürzte das Land in die Anarchie.
Nach der Ermordung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten zwei Monate nach seinem Amtsantritt war den Putschisten, die sich unter anderem aus der Armee rekrutierten, nicht klar, wer Ndadayes Erbe antreten sollte. Das war mitunter der Hauptgrund für das Scheitern der Machtübernahme durch die Armee. Durch die Verwirrung verursacht, erklärten die Putschisten bald nach der Ermordung Ndadayes, sie seien bereit, der Regierung die Macht zurückzugeben. Auch der Aufruf zum Widerstand an die Bevölkerung Burundis durch den Gesundheitsminister Jean Minani über Radio Ruanda sowie die sofortigen Verurteilungen der Vorgänge durch die internationale Gemeinschaft trugen wesentlich zum Ende des Putsches bei, so dass sich eine spannungsgeladene neue Regierung unter Präsident Cyprien Ntaryamira konsolidierte.
Doch auch Ntaryamira blieben nur zwei Miónate seiner Regierungstätigkeit. Auf dem Rückweg von einer Friedenskonferenz zusammen mit dem ruandischen Präsidenten Habyarimana in einem Privatflugzeug wurden die Raketenabwehrsysteme des Flugzeugs außer Kraft gesetzt und alle Passagiere der Maschine durch zwei Raketen getötet. Ntibantunganya, der Ministerpräsident unter der Regierung Ntaryamira, fiel nach der Verfassung das Amt des Interimspräsidenten zu. Fünf Monate später wurde er zum regulären Staatspräsidenten gewählt und eine neue ethnisch paritätisch besetzte Regierung unter dem Ministerpräsidenten Kanyenkiko gebildet. Die Staatsmacht setzte sich nun aus der Armee in Kooperation mit der UPRONA und anderen Tutsi-Parteien auf der einen Seite und der FRODEBU auf der anderen Seite zusammen. Damit war man wieder bei den Verhältnissen von 1988 angelangt. Kurz darauf, gleichsam als Höhepunkt eines Machtkampfes, wurde der Ausnahmezustand am 18.06.1995 durch den Staatspräsidenten ausgerufen und stellte die faktische Machtübernahme durch den Nationalen Sicherheitsrat dar, der mehrheitlich aus Tutsi-Militärs bestand.
Unter der Herrschaft des Militärs wurden Repressionen und Morden nicht mehr Einhalt geboten. Tutsi-Geschwader überfielen Schulen und töteten vor den Augen der Armee Hutu-Schüler. Die Ermordung von Politikern und hohen Funktionären der Wirtschaft stand auf der Tagesordnung. Man schätzt, dass ab 1993 ca. 300.000 Menschen ihr Leben verloren, ca. 1,3 Millionen Menschen mussten in das Ausland fliehen. Ausländische Unterstützung erhielten weder Ruanda noch Burundi in dieser Zeit. Im Gegenteil zogen sich internationale Organisationen zurück und überließen beide Länder ihrem Schicksal.

Neuere Geschichte

Nach Jahren des Chaos gelang es Major Pierre Buyoya in Burundi am 25.07.1996 ein weiteres Mal, in einem unblutigen Militärputsch die Macht zu erlangen. Dies wurde jedoch international verurteilt und mit Wirtschaftssanktionen des Auslands belegt mit der Forderung nach einer gültigen Verfassung. Eine Übergangsverfassung trat jedoch erst im Juni 1998 in Kraft mit direkter Folge von Friedensgesprächen in Arusha (Tanzania). Alle Konfliktparteien des Bürgerkrieges nahmen teil mit Ausnahme der beiden Rebellengruppen CNDD-FDD und PALIPEHUTU-FNL, die sich während des Krieges gebildet hatten. Nach der Unterzeichnung des Arusha-Abkommens für Frieden und Versöhnung im Jahr 2000 trat die Übergangsregierung unter Pierre Buyoya ihr Amt an. Zum Vizepräsidenten wurde Domitien Ndayizeye berufen. Eine zweite Übergangsverfassung, die für 36 Monate gelten sollte, gab Hoffnung auf den endgültigen Frieden. Dies wurde verstärkt, als es der Regierung gelang, ein Waffenstillstandsabkommen mit den noch immer aktiven Rebellengruppen der FDD und der FNL zu schließen.
Am 01.05.2003 muss Buyoya letztendlich die Übergangsregierung ein weiteres Mal abgeben: Sein Vizepräsident Ndayizeye übernimmt den Posten des Staatspräsidenten und hat nun die Aufgabe, Burundi auf erneute demokratische Wahlen vorzubereiten. Das gestaltet sich jedoch schwierig auf Grund der Wiederaufnahme von Kampfhandlungen von Seiten der CNDD-FDD unter Pierre Nkurunziza und der PALIPEHUTU-FNL unter Rwasa. Um das Problem der Rebellen zu lösen, bemüht sich die burundische Regierung darum, ein erneutes Waffenstillstandsabkommen mit Nkurunziza zu schließen. Die Verhandlungen finden in Pretoria statt. Einige Monate später unterzeichnen Nkurunziza und Ndayizeye ein Friedensabkommen, das die umfassende politische und militärische Machtteilung beinhaltet. Somit ist gesichert, dass die Rebellen der CNDD-FDD in Zukunft Teil der burundischen Armee sind und sich das Machtverhältnis zu Gunsten der Regierung verschoben hat. Dafür erhält die CNDD drei Ministerämter, Nkurunziza wird zum Minister für „Good Gouvernance“ ernannt und bis zu 40% der Posten in Armee und Sicherheitskräften werden von Mitgliedern der CNDD besetzt. Die Problem der „Armeefrage“ scheint vorerst gelöst zu sein: Zum ersten Mal in der Geschichte Burundis werden Hutus beim Militär zugelassen.
Im August 2004 setzt sich der Demokratisierungsprozess fort: In Pretoria einigen sich die wichtigsten burundischen Parteien auf einen Entwurf einer Regierung, die wiederum ethnisch paritätisch besetzt sein soll: 60% Hutus und 40% Tutsis im Parlament, im Senat soll eine Gewaltenteilung 50:50 herrschen. Einige Tage später zeigt die noch immer aktive Rebellengruppe FNL ihren Protest. Bei einem Überfall auf ein Flüchtlingslager in Gatumba, in dem sich Tutsi-Flüchtlinge aus der Demokratischen Republik Kongo aufhalten, werden ca. 150 Frauen und Kinder ermordet. Das Massaker löst weltweite Empörung aus. Die gegenseitigen Beschuldigungen über die Täterschaft bringen Burundi, die Demokratische Republik Kongo und Ruanda an den Rand eines erneuten Krieges. Weitere Kämpfe zwischen den Truppen der Regierung, die nun verstärkt sind um die Armee der CNDD, und der FNL in Bujumbura-Rural im Januar 2005 lassen den Demokratisierungsprozess stocken. Dennoch findet im Februar das Referendum über die neue Verfassung Burundis statt, wobei die Wahlbeteiligung bei 88 % liegt. In dieser Verfassung wird auch festgelegt, dass der Anteil der Frauen in Institutionen mindestens 30 % betragen muss.
Am 03.06.2005 folgen die ersten Kommunalwahlen, die die CNDD-FDD unter Pierre Nkurunziza mit 65 % der Stimmen gewinnt. In den darauf stattfindenden indirekten Senatswahlen (die Kommunalräte wählen) erhält die CNDD-FDD eine deutliche Mehrheit in Senat und Parlament, woraufhin Pierre Nkurunziza zum neuen Präsidenten der Republik für eine fünfjährige Amtsperiode ernannt wird. Jedoch erkennt die Hutu-Rebellengruppe die neue Regierung nicht an und führt den bewaffneten Kampf fort. Seitdem gibt es immer wieder Versuche der Regierung, die FNL zu Friedensverhandlungen zu bewegen, die bisher scheiterten.

(1) Jeremy Greenland, Ethnic Discrimination in Ruanda and Burundi (1976), S. 120,
zitiert nach Lemarchand, 1994, S. 98;
Quellen: Helmut Strizek, Ruanda und Burundi –
von der Unabhängigkeitzum Staatszerfall, Weltforum Verlag, 1996; Auswärtiges Amt;
© Laura Schmidt, Oktober 2007
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